Beta

Die Son­ne war noch nicht auf­ge­gan­gen, da scheuch­te Ma­ri­el ihn schon aus dem Schlaf­sack.

„Wir bre­chen auf! Be­weg dich!“, zisch­te sie ihm zu und zog die De­cke, auf der er lag, weg. Die Pla­ne, die ihn in der Nacht vor her­ab­fal­len­den Blät­tern, Ei­cheln und Wind ge­schützt hat­te, wa­ckel­te be­reits ver­däch­tig.

Er knurr­te miss­mu­tig und dreh­te sich noch ein­mal um.

„Es war ein­mal ein Ma­gi­er, Alim war sein Na­me,

Der war der Größ­te weit und breit und der Traum­prinz je­der Da­me.

Ein Wink des klei­nen Fin­gers und die Welt lag ihm zu Fü­ß­en,

Oder we­nigs­tens bei­na­he: Das Mur­mel­tier lässt grü­ß­en“, re­zi­tier­te Tem und ließ sei­ne Zieh­har­mo­ni­ka kläg­lich tö­nend nach un­ten glei­ten.

„Sei du mal still! Ab Mit­tag wirst du auf ir­gend­ei­nem Wa­gen lie­gen und pen­nen, den Lu­xus ha­ben Ma­gi­er im Re­bel­len­la­ger nicht.“

Miss­mu­tig vor sich hin brum­melnd kroch er aus sei­ner Schlaf­statt und kratz­te sich am Kopf, dann sah er sich in dem viel zu ge­schäf­ti­gen La­ger um und such­te sich ei­nen ab­ge­le­ge­nen Baum, um sich zu er­leich­tern.

Als er zu­rück­kehr­te, hat­te Tem sei­ne Klei­der an das Horn ei­nes Och­sen ge­hängt, der sich durch die Scheu­klap­pen je­doch kaum da­ran stör­te und nur ge­le­gent­lich den Kopf schüt­tel­te, um das läs­t­i­ge Ge­wicht los­zu­wer­den.

„Nur ein­mal möch­te ich, dass mein Bett erst ab­ge­baut wird, wenn ich nicht mehr drin lie­ge“, brumm­te Alim und be­gann, sich an­zu­k­lei­den.

Tem quetsch­te aus sei­nem In­stru­ment ein paar Tö­ne her­vor, die klan­gen, als wä­re er auf ei­ne to­te Kat­ze ge­t­re­ten.

„Und ich wür­de nur ein­mal wis­sen wol­len, wie­so wir es so ei­lig ha­ben. Man könn­te den Ein­druck be­kom­men, das Heer von Wei­ße­negg wä­re di­rekt hin­ter dem nächs­ten Bu­sch“, kom­men­tier­te Tem die ihn um­ge­ben­de Ei­le.

Da­bei wuss­te Tem ge­n­au­so gut wie Alim, dass es ei­nen sol­chen Grund nicht gab. Die Ei­le ent­stand durch die Sa­che selbst, im­mer­hin leb­ten sie im Tross des Au­s­er­wähl­ten. Dies war der in­ne­re Kreis des meist­ge­such­ten Man­nes von ganz Gatt­land. An­ge­sichts der Tat­sa­che, dass Gatt­land 1200 Mei­len lang und 600 Mei­len breit war und zum größ­ten Teil aus un­be­wohn­ten, meist mo­ras­ti­gen Tie­f­lan­den be­stand, war die­ser Um­stand je­doch nicht im An­satz so be­droh­lich, wie er im ers­ten Mo­ment klang. Den Men­schen, die zur stän­di­gen Be­leg­schaft ge­hör­ten, war dies auch klar, im­mer­hin war der Tross in den ver­gan­ge­nen zwan­zig Jah­ren nur ein ein­zi­ges Mal ent­deckt wor­den, und das auch noch durch rei­nen Zu­fall – weil sich ein Salz­kon­voi ver­irrt hat­te. Die Weißrö­cke hat­ten ge­glaubt, auf ei­nen Ver­sor­gungs­zug ge­sto­ßen zu sein, und ga­ben die Ver­fol­gung auf, nach­dem sie die Wa­gen mit Waf­fen und Män­teln er­beu­tet hat­ten.

Doch lei­der wa­ren et­wa zwei Drit­tel der An­we­sen­den nur tem­porä­res Per­so­nal, das glaub­te, durch den Au­f­ent­halt im mo­bi­len Haupt­quar­tier des Schwar­zen Or­dens in höchs­ter Ge­fahr zu schwe­ben und da­her stän­dig zur Ei­le mahn­te. Alim war lei­der der Letz­te, der es sich er­lau­ben konn­te, die­ser An­nah­me zu wi­der­sp­re­chen. Je­de von ihm aus­ge­hen­de Ver­zö­ge­rung wur­de so­fort als Sa­bo­ta­ge­akt der Ma­gi­er ge­wer­tet, und er ris­kier­te im bes­ten Fall bö­se Bli­cke, im sch­limms­ten hand­fes­te Prü­gel.

„Ich brau­che Feu­er­stein und Zun­der, um ein La­ger­feu­er hin­zu­be­kom­men, aber die glau­ben, ich könn­te den gan­zen Tross mit ei­nem Fin­ger­sch­nip­pen ex­p­lo­die­ren las­sen!“, hat­te sich Alim erst vor we­ni­gen Wo­chen be­schwert, wäh­rend Ma­ri­el ei­ne Platz­wun­de an sei­ner Stirn ver­sorg­te, die er ei­nem aus dem Nichts ge­kom­me­nen Schlag­stock zu ver­dan­ken hat­te.

„Sie ken­nen dich nicht, Alim“, hat­te sei­ne Schwes­ter ihn zu be­sänf­ti­gen ver­sucht.

„Dann sol­len sie mich ein­fach in Frie­den las­sen!“, hat­te er mür­risch er­wi­dert, wo­bei er ge­nau wuss­te, dass das von Men­schen, die durch Ma­gie Sch­reck­li­ches er­lebt hat­ten, sehr viel ver­langt war.

„Pack mit an!“, fuhr Ma­ri­el Alim an, der jetzt schon seit län­ge­rem mit sei­ner Hals­bin­de kämpf­te. Sie schob sei­ne Hän­de zur Sei­te und kno­te­te das blaue Band selbst. Dann drück­te sie ihm ei­ne Kis­te in die Hand und deu­te­te auf den Wa­gen.

Er wür­de heu­te lau­fen müs­sen, denn Ma­riels Wa­gen war von zwei Ver­letz­ten be­legt. Es wa­ren kei­ne Kampf­wun­den. Zwei Wach­sol­da­ten hat­ten wäh­rend ih­rer Pa­trouil­le im Dun­keln ei­nen Gr­a­ben über­se­hen und wa­ren ge­stürzt. Alim un­ter­s­tell­te ih­nen ei­nen hand­g­reif­lich ge­wor­de­nen St­reit um ei­ne der Hüb­sch­le­rin­nen im Dorf, aber auch das war ein Ge­dan­ke, den er wohl bes­ser nicht aus­sprach.

Alim kau­te noch auf ei­nem et­was zu tro­cke­nen Stück Kä­se, da zog der Tross auch schon los, wie üb­lich prak­tisch zi­el­los. Die­se Zi­el­lo­sig­keit mach­te Alim im­mer nach­denk­lich, zu sehr war sie ein Sinn­bild sei­nes Le­bens. Er war ein Ma­gi­er im Her­zen ei­nes Re­bel­len­or­dens, der es sich zur Auf­ga­be ge­macht hat­te, die Herr­schaft der Ma­gi­er end­gül­tig zu be­en­den und, wenn es nach der Mehr­heit der eher min­der ge­bil­de­ten Mit­g­lie­der ging, die Ma­gie­be­ga­bung end­gül­tig aus­zu­rot­ten.

Alim wuss­te sehr we­nig über die Ma­gie und die Ma­gi­er. Er selbst war er noch nie ei­nem an­de­ren Ma­gi­er be­geg­net, ge­schwei­ge denn, dass er sich mit ei­nem hät­te un­ter­hal­ten kön­nen. Die Re­bel­len ach­te­ten sehr ge­nau dar­auf, wel­che In­for­ma­tio­nen Alim er­hielt und wel­che nicht, da­her hat­te er ei­ne ge­wis­se Vor­stel­lung von dem, was er nicht wuss­te. Ei­ne gro­ße Wis­sens­lü­cke klaff­te bei der Ge­schich­te von Alee­se und Re­hu, die an­schei­nend Ma­gi­er­grün­dun­gen wa­ren, sym­bo­li­siert durch feh­len­de Sei­ten in Büchern und Brand­f­le­cken in Kar­ten. Ein wei­te­res Ge­heim­nis, das man vor ihm hü­te­te, war das Salz, das leuch­ten­de, das hat­te ir­gend et­was mit Ma­gie zu tun. Doch wenn er da­nach frag­te, ris­kier­te er den Zorn von Ali­s­tair, dem Haupt­mann von Kails Leib­gar­de. Vor ein paar Jah­ren war er hart­nä­ckig ge­wor­den und hat­te un­be­dingt wis­sen wol­len, wie­so die Ma­gi­er an­schei­nend so all­mäch­tig wa­ren, wäh­rend er selbst kaum ein La­ger­feu­er an­zün­den konn­te. Da war Ali­s­tair aus­ge­ras­tet, hat­te ihn am Kra­gen ge­packt und ge­gen die Wand ge­schla­gen. Alims Fü­ße hat­ten über dem Bo­den ge­bau­melt, und er hat­te sich an der Faust, die ihm die Luft ab­schnür­te, fest­hal­ten müs­sen, wäh­rend Ali­s­tair im zu­zisch­te, er sol­le sich ein­fach da­mit ab­fin­den, dass er ein aus­ge­spro­chen mie­ser Ma­gi­er sei.

Es war ja nicht so, als wä­re das nicht zu­tref­fend ge­we­sen. Alim war als Ma­gi­er ei­ne Nie­te, und vi­el­leicht hät­te er sich tat­säch­lich da­mit ab­ge­fun­den, wenn Tem und Ta­jan nicht im­mer so her­um­ge­druckst hät­ten. Er tat sei­nen Freun­den leid, da­her ent­g­litt ih­nen im­mer mal wie­der ein Hin­weis dar­auf, dass es nicht Alims Schuld war, dass er die Ma­gie nicht rich­tig im Griff hat­te, doch selbst sei­ne Freun­de trau­ten sich nicht, ihm die Wahr­heit zu sa­gen.

Alim fand sich da­mit ab. Er war ein An­häng­sel, die at­men­de Nach­ge­burt des gro­ßen Au­s­er­wähl­ten, die man ei­gent­lich im Fluss hät­te ent­s­or­gen sol­len. Es war be­reits ei­ne Gna­de, dass er über­haupt le­ben durf­te, da soll­te er sich nicht über sei­nen Sta­tus als Ge­fan­ge­ner be­schwe­ren.

„Du hast schon wie­der die­sen Blick drauf, und über dei­nem Kopf zie­hen sich graue Wol­ken zu­sam­men, was ich üb­ri­gens nicht me­ta­pho­risch mei­ne“, un­ter­brach Tem Alims Ge­dan­ken. Alim fiel auf die Fin­te he­r­ein und blick­te nach oben. Na­tür­lich wa­ren da kei­ne grau­en Wol­ken. Der Him­mel war klar und blau, und es weh­te ein sanf­ter Wind, der den wür­zi­gen Duft von Pil­zen und Kräu­tern aus dem Wald brach­te. Alim war ein­fach zu neu­gie­rig, wenn es um Ma­gie ging. Er woll­te kei­ne ein­set­zen, er woll­te nie­man­dem scha­den und sich auch kei­nen Vor­teil ver­schaf­fen, er woll­te sie nur ver­ste­hen.

Es war ja nicht so, als wä­re sei­ne Ma­gie ein­fach ver­schwun­den, nur weil er im Haupt­quar­tier des Re­bel­len­or­dens leb­te. Sie war stän­dig da, er spür­te sie, spür­te, wie sie kam und wie sie ging. Sie mach­te sich selb­stän­dig, in sei­nem Kopf, in sei­nem Hals und in sei­ner Ho­se, was an­ge­sichts der Tat­sa­che, dass er sie nicht steu­ern konn­te, so man­ches Mal rich­tig pein­lich ge­wor­den war.

Alim stieß dem Trou­ba­dour den Ell­bo­gen in die Sei­te.

„Lass den Quatsch. Ich bin nur mü­de und wür­de ger­ne wie­der auf den Wa­gen stei­gen“, er­klär­te er sich. Dann rieb er sich mit den Hän­den über die un­ra­sier­ten Wan­gen und dach­te sehn­süch­tig an ei­ne Wasch­schüs­sel, Sei­fe und ein schar­fes Ra­sier­mes­ser. Aber so et­was be­saß er nicht, da­her muss­te er war­ten, bis sie wie­der ir­gend­wo ein­kehr­ten und sein Zieh­va­ter mit Kail zu­rück­kam. Sein Bru­der – der Au­s­er­wähl­te – war im­mer ein zwei­schnei­di­ges Schwert. Wenn Kail und Si­mon mit dem Tross un­ter­wegs wa­ren, ver­füg­te Alim über ei­nen ge­wis­sen Lu­xus. Er konn­te an ei­nem Tisch es­sen, aus­schla­fen und sich rich­tig wa­schen. Auf der an­de­ren Sei­te wa­ren dann aber eben auch Kail und Ali­s­tair da, was an Alims Ner­ven und sei­ner Selbst­be­herr­schung zehr­te. Die bei­den Hor­noch­sen muss­ten zu­sam­men­le­gen, um auf ei­ne Hand­voll Grips zu kom­men, da­her leuch­te­te ih­nen par­tout nicht ein, dass Alim beim bes­ten Wil­len nicht als Bei­spiel für die ach so de­ge­ne­rier­te Ma­gier­ge­sell­schaft taug­te und dass sie, wenn sie ihn da­mit vers­pot­te­ten, im Grun­de ih­rem ge­lieb­ten Or­den, der Alim vom ers­ten Atem­zug an er­zo­gen hat­te, ei­nen Bä­ren­di­enst er­wie­sen.

Erst ge­gen Mit­tag hielt der Tross an, da ta­ten Alim schon die Fü­ße weh, und er hat­te das stän­di­ge Ge­zwit­scher der Vö­gel so satt, dass er an­fing, mit Stei­nen auf die fül­li­gen Ba­um­kro­nen und blüh­en­den Bü­sche zu wer­fen. Tem dich­te­te ei­nen Reim dar­auf, et­was mit Ma­gier­will­kür und Ra­che der Na­tur.

Ma­ri­el half bei ei­nem der Feu­er. Tem saß da­bei und spiel­te Volks­lie­der, die die meis­ten mit­sin­gen konn­ten. Alim klet­ter­te auf den Wa­gen mit sei­ner Tru­he, hol­te sich ein Buch und blieb auf der Tru­he ho­cken, als er merk­te, dass ihn kei­ner ver­trieb. Er be­o­b­ach­te­te die zu­sam­men­ge­wür­fel­te Rei­se­ge­sell­schaft. Im Prin­zip tat er das je­den Tag, aber er hat­te in der Re­gel auch nichts Bes­se­res zu tun. Wer woll­te schon Hil­fe oder gar Ge­sell­schaft von ei­nem Ma­gi­er?

Die et­wa sech­zig Men­schen wirk­ten auf den ers­ten Blick wie ei­ne Han­dels­ka­ra­wa­ne. Die zwölf Pl­an­wa­gen wa­ren schwer be­la­den und wur­den von zwei bis vier Och­sen ge­zo­gen. Zwei Wa­gen wa­ren aus Holz, klei­ne Hüt­ten mit run­den Dächern, de­ren Fens­ter mit Lä­den ver­sch­los­sen wa­ren. Aus dem ei­nen rag­te so­gar das schie­fe Rohr ei­nes Ofens her­vor, aus dem sich ei­ne Rauch­fah­ne krin­gel­te.

Sie sa­hen nicht so aus, aber sie wa­ren die Schalt­zen­tra­le der Re­bel­li­on.

Im Ofen brann­te im­mer Feu­er, selbst am hei­ßes­ten Tag des Verd­an­di. Es war ein Si­cher­heits­me­cha­nis­mus: Wenn der Tross an­ge­grif­fen wur­de, konn­te man das Feu­er über mit Öl ge­tränk­te Bän­der so­fort im gan­zen Wa­gen ver­tei­len und so die ge­sam­mel­ten Un­ter­la­gen des Or­dens ver­nich­ten.

Ei­ne al­te Frau mit Kopf­tuch stieg aus dem Wa­gen. Sie ging ge­beugt, doch zü­g­ig, trat an die Sträu­cher am Rand der Lich­tung und leer­te mit Schwung ei­nen Nacht­topf in den Wald aus. Alim sch­mun­zel­te über den Kon­trast zwi­schen ih­rem Auf­zug und ih­rem Ge­ba­ren. Wer hät­te un­ter­s­tellt, dass die­se al­te Da­me auch ein Breit­schwert so schwin­gen konn­te? Aya­na war das Ober­haupt des Or­dens. Einst hat­te sie zum Mi­li­tär ge­hört, doch nun war sie der Neu­tra­li­tät zwi­schen den vier Frak­tio­nen des Or­dens verpf­lich­tet. Sie ge­hör­te zu den we­ni­gen Rats­mit­g­lie­dern, die dau­er­haft mit dem Au­s­er­wähl­ten mit­reis­ten. Den meis­ten an­de­ren, vor al­lem den Kö­n­ig­s­er­ben, war es zu ge­fähr­lich. Von den po­li­ti­schen Ver­t­re­tern sch­los­sen sich höchs­tens die Dritt- und Viert­ge­bo­re­nen dem Tross an, die oh­ne­hin nichts zu sa­gen hat­ten und hoff­ten, durch ei­nen gu­ten Draht zum Au­s­er­wähl­ten nach der Rück­e­r­obe­rung ih­rer Län­der nicht in ir­gend­ein Klos­ter ab­ge­scho­ben zu wer­den.

Alim konn­te sie al­le­s­amt nicht aus­ste­hen. Da sie Kail im­po­nie­ren woll­ten, ta­ten sie na­tür­lich al­les, um ihm das Le­ben schwer zu ma­chen.

Wenn es Leu­te gab, die halb­wegs nett zu ihm wa­ren, dann wa­ren es Be­wah­rer, dach­te Alim ge­ra­de, da tauch­te auch schon ein eben­sol­cher auf. Er trug zwei Scha­len mit Sup­pe und ei­nen gan­zen Kan­ten Brot un­ter dem Arm und grins­te da­bei, als hät­te er ein Wild­schwein er­legt.

Alim klet­ter­te vom Wa­gen und setz­te sich mit Ta­jan ins Gras vor ei­nem der gro­ßen Rä­der. Ta­jan stell­te das Es­sen ab, nahm sei­nen Löf­fel vom Gür­tel und hob ei­nen ver­beul­ten Flach­mann, wo­bei er be­deu­tungs­voll mit den bu­schi­gen Au­gen­brau­en wa­ckel­te.

„Ich ha­be ein Ver­b­re­chen be­gan­gen und brau­che nun Hil­fe bei der Ver­nich­tung von Be­wei­sen“, ver­kün­de­te er und ließ sich im Schnei­der­sitz ne­ben Alim nie­der.

„Wen hast du dies­mal be­klaut?“, er­kun­dig­te sich Alim un­be­ein­druckt und nahm den ers­ten Löf­fel Sup­pe. Er hät­te ger­ne ge­wusst, was Ma­gi­er aßen. Wenn er die Ge­schich­ten am La­ger­feu­er hör­te, klang es im­mer so, als wä­ren Ma­gi­er ei­ne ganz an­de­re Gat­tung Mensch. In ei­nem Dorf, in dem sie meh­re­re Wo­chen ge­la­gert hat­ten, hat­te er ein Buch über Ver­er­bung auf­ge­trie­ben. In­di­rekt hat­te er da­für Prü­gel be­zo­gen, denn es hat­te ihn ge­lehrt, dass es wahr­schein­lich war, dass sein Va­ter ein Ma­gi­er war. Er hat­te Ma­ri­el mit der Fra­ge kon­fron­tiert, und sie war zu­erst krei­de­b­leich und dann pu­ter­rot ge­wor­den, ehe sie zu schimp­fen be­gon­nen und die Her­aus­ga­be des Bu­ches ver­langt hat­te, wor­auf­hin es ihm von zwei Krie­gern un­ter Stock­schlä­gen en­t­ris­sen wor­den war. Ma­ri­el hat­te es leid ge­tan. Sie hat­te die blau­en Fle­cken mit Sal­be ein­ge­rie­ben und ihm Ka­ra­mell ge­macht. Doch ge­ant­wor­tet hat­te sie nicht, nur et­was, das an ih­rem Hals hing, um­klam­mert und krampf­haft be­haup­tet, sie wüss­te es nicht und es wä­re auch bes­ser so. Doch am nächs­ten Tag hat­te er sie da­bei er­wischt, wie sie heim­lich wein­te.

Sei­ne Schwes­ter wuss­te viel mehr, als sie zu­gab, und dank des Bu­ches konn­te sich Alim vie­les den­ken. Er wuss­te, dass Ma­ri­el nur sei­ne Halb­schwes­ter war, was nicht ver­wun­der­te. Sie war drei­zehn Jah­re äl­ter als er und ein Hebam­men­kind. Ih­re Mut­ter hat­te sie nicht be­kom­men, weil sie ge­hei­ra­tet oder sich ver­liebt hat­te. Sie hat­te sie be­kom­men, um ih­re Aus­bil­dung zur Hei­le­rin zu be­en­den und den Ruf ih­rer Meis­te­rin zu er­hal­ten. Alim kann­te Ma­riels Va­ter so­gar, er war ei­ner der Re­bel­len und leb­te noch im­mer in den Höh­len un­ter Tre­borg. Der Tross näh­er­te sich Tre­borg nur sel­ten, doch die Re­bel­len von dort wa­ren Meis­ter der Täu­schung und die bes­ten Füh­rer über die Ho­c­h­e­be­nen. Wenn der Tross von Cor­nel­le kom­mend nach Holm zog, trenn­te er sich in noch mehr klei­ne Grüpp­chen auf als oh­ne­hin schon, und je­dem ein­zel­nen sch­loss sich ei­ner der Män­ner vom Fel­sen­dom an. In we­ni­gen Ta­gen war es wie­der so­weit, und wahr­schein­lich wür­de Gun­ther wie­der die Grup­pe um Ma­ri­el über­neh­men, ob­wohl er im­mer, wenn er zu ih­nen stieß, pein­lich be­rührt wirk­te. Er brach­te Ma­ri­el stets Ge­schen­ke mit: ein Kleid aus der Stadt oder ei­nen Man­tel aus Bie­ber­fel­len, für die er selbst ge­jagt hat­te, aber er sprach sel­ten mit ihr und sah ihr nicht in die Au­gen. Früh­er hat­te sich Alim ge­fragt, ob es da­ran lag, dass er sonst nie für Ma­ri­el da ge­we­sen war, und dann hat­te er über­legt, ob sein ei­ge­ner Va­ter auch ir­gend­ein Re­bell war, dem sei­ne Mut­ter ir­gend­wo ein­mal be­geg­net war, und ob er sich auch schä­m­en wür­de, wenn er Alim und Kail trä­fe. Doch als er äl­ter ge­wor­den war, war ihm klar ge­wor­den, dass die Ant­wort nicht so ein­fach sein konn­te. Wä­re sein Va­ter ein Re­bell ge­we­sen, dann wä­re er mit dem Tross ge­zo­gen, dann wä­re er stolz ge­we­sen, den Au­s­er­wähl­ten ge­zeugt zu ha­ben, und die Schan­de, dass da­bei auch ein Ma­gi­er her­aus­ge­kom­men war, wä­re zweitran­gig ge­we­sen.

Seit Alim die Ver­er­bung ver­stand, wuss­te er je­doch, dass sein Va­ter wahr­schein­lich ein Ma­gi­er war, auch wenn Si­mon ihm re­gel­mä­ß­ig wi­der­sprach. Wo­her sei­ne Mut­ter kam und wer sie ge­we­sen war, be­vor sie mit ge­ra­de ein­mal sechs Jah­ren in Ais­ka­land vor der Tür ei­ner Hei­le­rin auf­ge­taucht war, wuss­te nie­mand. Selbst Ma­ri­el wuss­te nichts über die Fa­mi­lie ih­rer Mut­ter, und in die­sem Punkt glaub­te Alim ihr so­gar. Es konn­te al­so durch­aus sein, dass El­lan ihm die Ma­gie ver­erbt hat­te, aber Alim glaub­te nicht da­ran. Er glaub­te es nicht, weil Ma­ri­el Ma­gie so völ­lig an­ders brach als Kail. Er hät­te es sei­nem Zieh­va­ter ger­ne er­klärt, aber er konn­te das, was er in Be­zug auf Ma­gie „sah“, nicht in Wor­te fas­sen.

Aus dem Buch über Ver­er­bung hat­te er aber auch et­was an­de­res ge­lernt: Er hat­te ge­lernt, dass es nur ein ein­zi­ges Gen, ein ein­zi­ger Mar­ker war, der ihn zum Ma­gi­er mach­te, was be­deu­te­te, dass er auch als Nicht­ma­gi­er ge­nau der­sel­be Mensch ge­we­sen wä­re, die­sel­ben Vor­lie­ben und Fähig­kei­ten ge­habt hät­te. Al­so war es nicht das Erb­gut, das die Ma­gi­er vom Rest der Welt un­ter­schied, es wa­ren Er­zie­hung, Kul­tur und Brauch­tum. Da­her konn­te er, der er sein ge­sam­tes Le­ben un­ter Re­bel­len ver­bracht hat­te, sich nicht als Ma­gi­er be­zeich­nen, und da­her war auch Tem, der die Sit­ten und Ge­bräu­che der Ma­gi­er per­fekt kann­te, aber nicht auch nur das ge­rings­te Fünk­chen Ma­gie in sich hat­te, bes­ser da­rin, ei­nen Ma­gi­er zu mi­men, als Alim. Aber das moch­te auch da­mit zu­sam­men­hän­gen, dass Tem sei­ne Spie­gel und Pül­ver­chen bes­ser be­herrsch­te als Alim die Ma­gie.

Er hat­te Tem so oft über die Le­bens­wei­se der Ma­gi­er aus­ge­fragt, doch Tem war ein Bar­de, ein Trou­ba­dour, der sich dar­auf ver­stand, Ge­schich­ten zu er­zäh­len. Spä­tes­tens wenn er an­fing, in Rei­men zu sp­re­chen, wuss­te Alim, dass er log. Auch Tem hat­te Grün­de, die Ma­gi­er zu has­sen. Auch Tem war zum Or­den ge­kom­men, weil er die Ma­gier­ge­sell­schaft stür­zen woll­te, al­so hielt auch er sich an das Ge­bot, Alim nichts über die Ma­gie und die Ma­gi­er zu ver­ra­ten. Da konn­ten sie fünf­mal Freun­de sein. Wenn über­haupt, dann war es wahr­schein­li­cher, dass Ta­jan sich ver­plap­per­te, ob­wohl auch dies noch nicht vor­ge­kom­men war, denn Ta­jan war ein Mit­g­lied des Ra­tes. Er moch­te jung sein, er moch­te ein Sch­litz­ohr sein, und er moch­te ei­ne Schwäche für Alim ha­ben, aber er war we­der dumm, noch un­vor­sich­tig. Er hat­te sich je­der­zeit im Griff, und es schi­en oft, als kön­ne er zwei Din­ge gleich­zei­tig tun. Hier un­ter­hielt er sich noch mit je­man­dem über die bes­te Wan­der­rou­te, da rief er ei­nem An­de­ren die Er­geb­nis­se ei­ner kom­ple­xen Be­rech­nung zu, die er vor Stun­den be­gon­nen und nun im Kopf vol­l­en­det hat­te. Alim hoff­te dar­auf, dass Ta­jan ir­gend­wann an ein Kon­strukt ge­riet, dass er oh­ne Ma­gie nicht ver­ste­hen konn­te, denn Neu­gier war auch Ta­jans Schwäche. Wenn ihn ein Rät­sel lan­ge ge­nug quäl­te, wür­de er nach­ge­ben und In­for­ma­tio­nen ge­gen In­for­ma­tio­nen tau­schen.

Alim rülps­te und stell­te die lee­re Schüs­sel zur Sei­te. Die Hoff­nung starb zu­letzt.

Ir­gend­wo im Tross fluch­te je­mand, und Ta­jan leer­te has­tig den letz­ten Schluck aus dem Flach­mann. Alim war der Brand­wein zu Kopf ge­s­tie­gen, und er lach­te lei­se vor sich hin, wäh­rend er zur Sei­te um­kipp­te. Das wür­de Schel­te ge­ben, aber es war ihm egal. Die Sup­pe war gut ge­we­sen und das Brot frisch, das Wet­ter war warm und der Brand­wein wür­zig. Viel mehr hat­te er in die­sem Le­ben so­wie­so nicht, al­so soll­te er es ge­nie­ßen. Aber vi­el­leicht sprach ja nur der Schwipps aus ihm.

Als der Tross wie­der auf­brach, hol­te Ma­ri­el ihn auf den Kutsch­bock ih­res Wa­gens. Die bei­den Män­ner, die sie be­han­del­te, schn­arch­ten im Schlaf laut. Ma­ri­el war kei­ne fer­ti­ge Hei­le­rin, ob­wohl sie im­mer wie­der bei Meis­te­rin­nen in die Leh­re ging.

„Ich bin ei­ne Re­bel­lin, die sich mit Ver­letz­ten aus­kennt. In ei­ne Stadt kom­me ich so­wie­so nicht, was nützt mir al­so ein Ruf, und ein Balg am Bein brau­che ich auch nicht, um Dünnp­fiff und ge­bro­che­ne Bei­ne zu ku­rie­ren“, hat­te sie ein­mal ge­ant­wor­tet, als Si­mon sie auf­ge­for­dert hat, ih­re Aus­bil­dung bei ei­ner Hei­le­rin in Elea­zar zu be­en­den.

„Der Kno­chen wächst schief zu­sam­men“, sag­te sie nach ei­ner Wei­le, in der Alim auf die Hin­tern der Och­sen ge­starrt hat­te. „Ich muss­te ihn wie­der bre­chen, be­fürch­te aber, dass es da­von auch nicht bes­ser wird. Er wird sein Le­ben lang hin­ken, au­ßer ...“

Sie be­en­de­te den Satz nicht, son­dern sah ihn viel­sa­gend an. Er blick­te sich um und schau­te dann in den Wa­gen. Der Schlaf der bei­den Män­ner war un­na­tür­lich tief.

„Hast du ih­nen was ge­ge­ben?“, frag­te er und be­trach­te­te den Ver­band.

„Ei­ne Mohn-Al­rau­nen-Mi­schung, sie wer­den bis mor­gen früh schla­fen, und ich wer­de den Ver­band straff bin­den, da­mit er es nicht merk­t“, er­klär­te sie.

Alim nick­te und klet­ter­te in den Pl­an­wa­gen. Er lös­te den Ver­band und leg­te das blau-grün ver­färb­te Schi­en­bein frei. Fei­ne sil­ber­ne Sch­lie­ren um­ga­ben es, wie kon­den­sie­ren­der Atem in kal­ter Win­ter­luft. Als er die Hand dar­über hielt, zo­gen die Sch­lie­ren auf ihn zu. Er kon­zen­trier­te sich dar­auf und be­weg­te die Fin­ger in ei­nem Mus­ter. Er muss­te et­was hin- und her­pro­bie­ren, dann fand er den Rhyth­mus, in dem sich die sil­ber­nen Fä­den un­ter sei­nen Hän­den zu ver­bin­den be­gan­nen. Es war, als wür­de er sie zu­sam­men­f­lech­ten, zu ei­ner Schnur win­den. Er leg­te sich die Schnur aus En­er­gie um die Hand. In­zwi­schen wuss­te er, dass er sie nur drei­mal um­wi­ckeln durf­te, sonst riss das Band und die En­er­gie ging ver­lo­ren. Dann führ­te er die Hand vor­sich­tig zum Fuß des Ver­letz­ten und schob die Sch­lin­gen über den Fuß auf den ge­bro­che­nen Kno­chen. Er sah ganz ge­nau, was er tat, oh­ne auch nur im An­satz zu wis­sen, wie er es an­s­tell­te oder auch nur zu ah­nen, wie es wir­ken konn­te, doch der Bruch heil­te. Nicht voll­stän­dig, nur ein we­nig. Wie­der be­gann er da­mit, die Fä­den zu ver­bin­den, zu Sch­lin­gen zu for­men und über den Kno­chen zu zie­hen. Dass es bes­ser wur­de, sah er da­ran, dass im­mer we­ni­ger der ma­gi­schen En­er­gie aus dem Kör­per ent­wich. Als die Fä­den zu licht zum Flech­ten wur­den, klet­ter­te er wie­der auf den Kutsch­bock und über­nahm die Zü­gel, da­mit Ma­ri­el in den Wa­gen stei­gen und den Ver­band er­neu­ern konn­te.

Es war un­nö­t­ig, denn der Mann hät­te so­fort auf­ste­hen und weg­ge­hen kön­nen. Doch das durf­te er nicht er­fah­ren, denn statt Dank hät­te Alim nur Prü­gel be­zo­gen.

Es war ge­nau die­se Dumm­heit, die ihn so är­ger­te. Er konn­te mit Ma­gie hei­len, es war das Ein­zi­ge, was er ei­ni­ger­ma­ßen be­herrsch­te – aber er durf­te nicht. Die Ge­ne­se­nen, die da­von er­fah­ren hat­ten, be­schimpf­ten ihn und be­zeich­ne­ten sich selbst als ver­flucht. Ein Mann hat­te sei­nen ge­ra­de erst ge­heil­ten Arm so­gar selbst wie­der ge­bro­chen, mit der Be­grün­dung, er wol­le kei­nem Ma­gi­er et­was schul­den und mit der Drei­fa­chen im Rei­nen sein.

Mit Ma­gie konn­te man so viel Gu­tes tun. An­de­rer­seits hat­te ge­n­au­so al­les be­gon­nen. Das Ar­te­fakt von Riks­felt war er­baut wor­den, um die Fel­der von Holm vor dem un­wir­schen Wet­ter der Kray­see zu schüt­zen. Doch heu­te leb­ten die Bau­ern dort in stän­di­ger Angst, denn es ge­nüg­te ein fal­sches Wort, und der Herr von Riks­felt konn­te Stür­me ru­fen, die das Korn ver­nich­te­ten, oder Dür­re aus­lö­sen, die das Vieh ster­ben ließ.

Alim be­trach­te­te sei­ne Hän­de, an de­nen noch die letz­ten Fä­den der Ma­gie hin­gen. Einst hat­ten die Ma­gi­er nur Gu­tes ge­wollt, Frie­den und ein ge­ein­tes Gatt­land, Wohl­stand und Si­cher­heit. Er frag­te sich, wie und wann aus die­sen gu­ten Ab­sich­ten Will­kür und Ty­ran­nei ge­wor­den wa­ren.

Er blieb bis zum Abend auf dem Kutsch­bock, un­ter­hielt sich mit Ma­ri­el und üb­te sein Wis­sen über die Pflan­zen des Wal­des, in­dem er mit ihr Ra­te­spiel­chen spiel­te. Am Abend lausch­te er Tem, der über ruhm­rei­che Re­bel­len und nie­der­träch­ti­ge Ma­gi­er sang, ehe er sein be­schei­de­nes La­ger auf­schlug und hoff­te, dass es am kom­men­den Mor­gen erst ab­ge­baut wer­den wür­de, wenn er nicht mehr drauflag. Die Hoff­nung starb zu­letzt.

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Der verwandte Feind

von Tina Giesler aus Dembelo

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