Beta

El­lan tau­mel­te. Sie hör­te Ma­riels Stim­me in der Fer­ne. Viel zu weit in der Fer­ne. Pa­nisch ver­such­te sie, sich in dem Durch­ein­an­der zu ori­en­tie­ren. Sie be­griff nicht, was die Weißrö­cke hier über­haupt ta­ten, hier war doch nichts. Nur Ver­letz­te und Kran­ke, Frau­en, Kin­der, Grei­se – ei­ne Flücht­lings­sied­lung, die den Re­bel­len, die sie mit Nah­rung und De­cken ver­sorg­ten, nur zur Last fiel. Sie selbst hät­te über­haupt nicht hier sein sol­len und jetzt war sie mit­ten in ei­ner Schlacht, und ih­re Toch­ter war ir­gend­wo in die­sem Cha­os aus flie­hen­den Re­bel­len und mor­den­den Weißrö­cken ver­schwun­den.

„Ma­ri­el?“, rief El­lan und duck­te sich un­ter dem Schwert ei­nes Weißrocks hin­durch. Mit ih­rem Stab fuhr sie ihm zwi­schen die Fü­ße, brach­te ihn zu Fall und rann­te wei­ter, oh­ne sich noch ein­mal nach ihm um­zu­dre­hen, in die Rich­tung, aus der sie die hel­le Kin­der­stim­me ge­hört zu ha­ben glaub­te.

„Ma­ri­el?“ Trä­nen tra­ten ihr in die Au­gen und raub­ten ihr die Sicht. Fast wä­re sie in zwei Of­fi­zie­re der Ma­gier­ar­mee hin­ein­ge­rannt, doch ei­ner der Re­bel­len zog sie ge­ra­de noch recht­zei­tig in ei­nen Sei­ten­gang der Höh­le, in dem nicht ge­kämpft wur­de.

„Du musst hier raus, El­lan! Wir las­sen die Höh­le ein­stür­zen, so­bald die meis­ten von uns raus sin­d“, er­klär­te er ei­lig und zerr­te sie mit sich.

„Nein!“, rief sie und schüt­tel­te sei­nen Griff ab. „Ich kann nicht, mei­ne Toch­ter ist noch da drin.“

El­lan riss sich los und dräng­te ge­gen den Strom der Flie­hen­den an. Der Mann rief ihr noch et­was nach, doch sie hör­te nicht mehr hin.

Sie drück­te sich an den Rei­hen der kämp­fen­den Nach­hut vor­bei, stieg über Lei­chen und stöh­nen­de Ver­letz­te, bei de­nen sie sich zu­rück­hal­ten muss­te, um nicht zu hel­fen. Man be­ach­te­te sie kaum; sie war un­be­waff­net und in dem schwar­zen Ge­wand ei­ner Hei­le­rin auch fast un­sicht­bar.

Die Re­bel­len, die die Höh­len kann­ten, hat­ten den tak­ti­schen Vor­teil. Sie hat­ten die ih­nen zah­len­mä­ß­ig weit über­le­ge­nen Weißrö­cke in das la­byrinth­ar­ti­ge Zen­trum des Fel­sen­doms ge­lockt und ver­sperr­ten ih­nen nun die Aus­gän­ge, doch die Ar­mee der Ma­gi­er war nicht nur grö­ß­er, son­dern auch bes­ser be­waff­net und er­heb­lich bes­ser ge­rüs­tet. Die Re­bel­len wa­ren ih­nen hoff­nungs­los un­ter­le­gen.

El­lan rief er­neut nach ih­rer Toch­ter und be­kam end­lich ei­ne Ant­wort. Ein spit­zer Sch­rei, der er­starb, als hät­te je­mand das Kind ge­packt oder …

El­lan ver­bot es sich, die­sen Ge­dan­ken zu En­de zu füh­ren, rem­pel­te ei­nen der Weißrö­cke von hin­ten an und stieß ihn in die Klin­ge ei­nes Re­bel­len, dräng­te auf die an­de­re Sei­te des Tun­nels, ih­ren Stab als De­ckung nut­zend, sprang in ei­ne seit­li­che Ab­zwei­gung und lief die we­ni­gen Stu­fen hin­ab, in­brüns­tig dar­um be­tend, die Rich­tung, aus der der Ruf ih­rer Toch­ter ge­kom­men war, rich­tig er­kannt zu ha­ben.

Sie bog um ei­ne Ecke und stieß mit dem brei­ten, in wei­ßen Stoff ge­hüll­ten Rü­cken ei­nes Sol­da­ten zu­sam­men. Der Mann schwank­te nicht ein­mal. Sein Arm lag wie ein Schraub­stock um das stram­peln­de Kind.

„Lass sie los!“, brüll­te El­lan und schlug mit dem Stab ge­gen sei­nen Helm, der wie ei­ne dump­fe Glo­cke nach­hall­te, doch der Mann zeig­te kei­ner­lei Re­ak­ti­on, son­dern be­müh­te sich wei­ter, Ma­riels stram­peln­de Bei­ne zu fi­xie­ren.

Im Schein der Blend­la­ter­ne, die die klei­ne, als Wohn­raum ein­ge­rich­te­te Ka­ver­ne er­hell­te, er­kann­te El­lan die see­len­lo­sen Au­gen hin­ter dem Vi­sier. Sie konn­te nicht auf Mit­leid hof­fen, denn die­ser Mann war zu kei­ner der­ar­ti­gen Emp­fin­dung mehr fähig. Ent­sch­los­sen hob El­lan ih­ren Stab, setz­te ihn rasch am Sch­litz des Rüst­man­tels an und stieß die stump­fe Waf­fe zwi­schen die Rüs­tungs­tei­le. Dann nutz­te sie die He­bel­wir­kung, um dem Mann sei­ne ei­ge­ne Bein­schie­ne mit der schar­fen Kan­te ins Fleisch zu ram­men.

Er schrie auf, ließ Ma­ri­el los und sank kurz auf ein Knie, doch selbst ein auf­ge­ris­se­ner Ober­schen­kel und ei­ne durch­t­renn­te Schla­ga­der konn­ten ei­nen Weiß­rock nicht auf­hal­ten. Blut rann über sein Bein, und sein Tod war wohl un­aus­weich­lich, doch das stör­te die Tö­t­ungs­ma­schi­ne in Men­schen­ge­stalt nicht. Er zog sein Schwert, doch nicht vor Wut, son­dern lang­sam und aus Be­rech­nung. Die Be­din­gun­gen hat­ten sich ge­än­dert. El­lan hat­te Wi­der­stand ge­leis­tet. Für ei­nen sol­chen Fall gab es an­de­re Be­feh­le, es be­deu­te­te, dass der Mann nun tö­ten wür­de.

El­lan zog Ma­ri­el aus der Reich­wei­te des Sol­da­ten und hin­ter sich, in ei­ne trü­ge­ri­sche Si­cher­heit. Doch sie kam nicht mehr recht­zei­tig wie­der auf die Bei­ne. Das Schwert saus­te her­ab, und El­lan hielt dem Hieb im letz­ten Mo­ment ih­ren Stab ent­ge­gen. Die leich­te Waf­fe zer­brach so­fort, lenk­te die Klin­ge je­doch ab und ver­schaff­te El­lan da­durch den Bruch­teil ei­nes Au­gen­blicks, in dem sie er­kann­te, dass das Rüs­tungs­stück noch im­mer in der Wun­de steck­te, die Blu­tung ver­min­der­te und dem Sol­da­ten so die Zeit gab, er­neut aus­zu­ho­len und sie und ih­re Toch­ter zu er­schla­gen.

Ma­ri­el wein­te und klam­mer­te sich an Ellans Rü­cken, und El­lan sch­loss die Au­gen.

„Halt!“, rief ei­ne Stim­me. El­lan riss die Au­gen wie­der auf, als der töd­li­che St­reich tat­säch­lich aus­b­lieb.

Ein Ma­gi­er stand mit er­ho­be­nem Arm auf der Trep­pe und wirk­te ir­gend­wie über­rascht, der Sol­dat hat­te, wie ei­ne Sta­tue, mit­ten in der Be­we­gung in­ne ge­hal­ten.

Et­was groll­te, und El­lan sch­loss ih­re Toch­ter in die Ar­me, beug­te sich in ei­nem er­neut sinn­lo­sen Ver­such, sie zu schüt­zen, über sie und flüs­ter­te ei­ne Ent­schul­di­gung in das Ohr des ve­r­ängs­tig­ten Kin­des. Dann stürz­te der Berg über ih­nen zu­sam­men.

oOo

Der Bo­den un­ter Gre­gors Fü­ß­en be­gann zu zit­tern, ei­ne Druck­wel­le warf ihn vor­wärts und et­was Schwe­res schlug ihm die Bei­ne weg. Er stürz­te, und in sei­nem Un­ter­schen­kel ex­p­lo­dier­te fürch­ter­li­cher Sch­merz. Als er den Staub von der De­cke rie­seln sah, be­griff er, was pas­sier­te. Statt nach sei­nem Bein zu grei­fen, hob er die Hän­de zu dem mäch­tigs­ten Schutz­zau­ber, den er je­mals ge­wirkt hat­te. Sein gan­zes Kön­nen und sei­ne ge­sam­te Kraft dar­auf kon­zen­trie­rend, stütz­te er die De­cke des klei­nen Raums, drück­te ge­gen die Wän­de, ver­sie­gel­te sich bil­den­de Ris­se. Er glaub­te, sch­rei­en zu müs­sen, so sehr zerr­te die An­st­ren­gung an sei­nem gan­zen Kör­per, und das sch­mer­zen­de Bein stör­te auch noch sei­ne Kon­zen­t­ra­ti­on. Die Er­schüt­te­run­gen lie­ßen nicht nach, noch im­mer beb­te der Berg und im­mer noch woll­te das Ge­stein um ihn her­um bers­ten und tat es nur des­halb nicht, weil Gre­gors Wil­le es un­ter­band.

Ne­ben ihm sank der Weiß­rock zu Bo­den, in ei­ner La­che aus Blut. Das Kind hin­ter ihm wein­te, ge­dämpft durch die Ar­me der Mut­ter, die ver­zwei­felt ver­such­te, es zu schüt­zen. Er wür­de die Ex­p­lo­si­on nicht auf­hal­ten kön­nen, er war nicht in der La­ge, ei­nen gan­zen Berg zu stüt­zen. Er wür­de hier ster­ben. Als ihm die­ser Ge­dan­ke kam, krampf­te sich et­was in ihm zu­sam­men. Nein! Er wür­de nicht ster­ben. Nicht hier, nicht so. Er griff nach dem Arm des ster­ben­den Sol­da­ten, riss ihm den Hand­schuh her­un­ter und bohr­te ihm die Fin­ger­nä­gel ins Hand­ge­lenk.

Der Sol­dat wehr­te sich nicht, gab nicht ein­mal ei­nen Sch­mer­zens­laut von sich. Gre­gor tas­te­te nach dem ma­gi­schen Salz in den Adern des Man­nes, be­mäch­tig­te sich der da­rin ge­spei­cher­ten Kraft und zerr­te sie ge­ra­de­zu bru­tal aus dem Sol­da­ten her­aus. Dann jag­te er die Ma­gie in den Schutz­zau­ber, der die Kraft der Ex­p­lo­si­on von der klei­nen Kam­mer fern­hielt.

Als er wie­der zu Be­wusst­sein kam, lehn­te er an der Wand dem Ein­gang ge­gen­über und wun­der­te sich, wie er dort­hin ge­kom­men war. Die Frau hielt ihm ei­ne Scha­le mit Was­ser an die Lip­pen und ließ ihn ei­nen Schluck trin­ken.

Sie hock­te vor ihm und war­te­te, bis er wie­der ganz bei sich war. Dann hob sie sei­ne Ar­me und wi­ckel­te die En­den ei­nes Gür­tels um sei­ne Hän­de. Der Gür­tel war sei­ner­seits durch ei­ne in die Fels­wand ge­schla­ge­ne Öse ge­zo­gen.

„Hal­tet Euch gut fest“, er­klär­te sie und schob ihm ein Stück Holz zwi­schen die Zäh­ne. „Und hier drauf­bei­ßen. Ver­sucht, nicht ohn­mäch­tig zu wer­den, sonst muss ich Euch fes­seln.“

Gre­gor war zu per­plex, um zu wi­der­sp­re­chen. Sie wand­te sich sei­nem blut­über­ström­ten Bein zu, und er stell­te mit auf­s­tei­gen­der Übel­keit fest, dass die bi­zar­re Spit­ze, die aus sei­nem Ho­sen­bein rag­te, sein ei­ge­ner Kno­chen war. Als sie den Stoff au­f­riss, muss­te er weg­se­hen. Die Frau win­kel­te sein un­ver­letz­tes Bein an und stemm­te sich mit ei­nem Fuß da­ge­gen.

„Ich kann nicht glau­ben, dass ich ei­nem Ma­gi­er hel­fe“, mur­mel­te sie, sah ihm in die Au­gen und zog oh­ne Vor­war­nung an dem ge­bro­che­nen Kno­chen. Sei­ne Fin­ger­nä­gel gru­ben sich in das Le­der des Gür­tels, er hör­te sei­ne Zäh­ne über das Holz knir­schen, und der Sch­merz fuhr ihm wie ein Speer vom Bein über die Wir­bel­säu­le bis in den Schä­d­el. Er wünsch­te sich die Ohn­macht, aber wie ver­flucht blieb er dies­mal bei Be­wusst­sein und bil­de­te sich so­gar ein, das „Plop“, mit dem sein Kno­chen wie­der ins Fleisch drang, zu hö­ren.

Die Frau drück­te ei­nen Ver­band, den sie aus dem Waf­fen­rock des Sol­da­ten ge­fer­tigt hat­te, auf die nun kräf­tig blu­ten­de Wun­de, press­te die me­tal­le­ne Schie­ne dar­auf und schnür­te sie mit Le­der­rie­men fest. Gre­gor spuck­te das Holz­stück aus und schrie, um sei­ne Lun­gen da­zu zu brin­gen, sich wie­der zu wei­ten. Vor sei­nen Au­gen schwirr­ten far­bi­ge Punk­te, und je­de ein­zel­ne Po­re sei­nes Kör­pers wei­te­te sich un­ter ei­ner Hit­ze­wel­le.

Er fluch­te, und wur­de er mit ei­nem bö­sen „Psst!“ an­ge­fah­ren. Er sah zu dem Kind hin­über: Es grins­te.

„Wie hat­tet ihr vor, hier wie­der raus­zu­kom­men?“, frag­te die Frau nach ei­ner Wei­le gars­tig.

„Ich ha­be mich recht spon­tan ent­schie­den, nicht er­schla­gen wer­den zu wol­len“, ant­wor­te­te er und ver­such­te, die Sch­mer­zen weg­zu­at­men, um ei­nen kla­ren Ge­dan­ken fas­sen zu kön­nen.

Schwer at­mend setz­te er sich auf, über­zeugt, er wür­de vor Schwäche so­fort um­fal­len. Ei­ne selt­sa­me Tro­cken­heit mach­te sich in sei­ner Keh­le breit und ließ ihn hus­ten. Die Frau reich­te ihm Was­ser, doch das konn­te die Tro­cken­heit nicht ver­t­rei­ben, und wäh­rend Gre­gor die schil­lern­den Fä­den aus Ma­gie be­o­b­ach­te­te, die wie flie­hen­de Wür­mer aus sei­nem Bein ström­ten, kam ihm ein Ver­dacht, wie­so nicht. Er hus­te­te er­neut, würg­te fast, ehe er das un­an­ge­neh­me Ge­fühl völ­lig aus­ge­trock­net zu sein in den Griff be­kam. Wie die Din­ge stan­den, wür­de es so sch­nell nicht ver­ge­hen.

„Wer seid Ihr?“

„El­lan“, ant­wor­te­te sie tro­cken und wisch­te sich die blu­ti­gen Hän­de an der dun­k­len Schür­ze ab.

Er nick­te ihr zu, die Dank­bar­keit, die er ihr schul­de­te, noch nicht rich­tig emp­fin­dend.

„Ich bin ...“, be­gann er, doch El­lan un­ter­brach ihn.

„Gre­gor Fach­hau­ser, der Re­bel­len­jä­ger. Ich weiß.“

In ih­rer Stim­me lag Spott, und Gre­gor war sich nicht si­cher, ob der ihm oder ihr selbst galt. El­lan trat zu dem Mäd­chen und nahm sie trös­t­end in den Arm. Zu­sam­men wirk­ten sie noch dür­rer und un­glaub­lich ver­lo­ren.

Er sah sich um. Er hat­te die klei­ne, aus dem Stein ge­schla­ge­ne Wohn­kam­mer da­ran ge­hin­dert ein­zu­stür­zen, doch der sch­ma­le Zu­gang war nun von Ge­röll ver­sperrt. Sie wa­ren in der klei­nen Bla­se aus ma­gisch ver­stärk­tem Stein ge­fan­gen.

Er ver­stand Ellans Angst. Sein Zau­ber hat­te sie kei­nes­wegs ge­ret­tet, er hat­te ei­nen sch­nel­len Tod durch her­ab­stür­zen­de Fel­sen ge­gen lang­sa­mes Er­sti­cken ein­ge­tauscht. Si­cher­lich nicht das bes­te Ge­schäft sei­nes Le­bens. Das Licht fla­cker­te, dann zisch­te et­was, und es wur­de stock­fins­ter. Das Kind fiep­te lei­se, und El­lan ver­such­te, es mit sanf­ter Stim­me zu be­ru­hi­gen.

„Das war die ein­zi­ge Ker­ze“, er­klär­te sie dann aus dem Nichts her­aus, und er nick­te, oh­ne zu be­den­ken, dass sie es nicht se­hen konn­te. Dann hob er die Hand und er­schuf ei­ne win­zi­ge Ku­gel aus Licht. Der Zau­ber brann­te in sei­nen Fin­ger­spit­zen, st­reng­te ihn schier un­end­lich an, und ob­wohl er es ver­such­te, wur­de das Licht nicht grö­ß­er. Bit­ter lächelnd schob er das klei­ne Licht­chen, das wie ein win­zi­ges Glühw­ürm­chen zit­ter­te, zu dem Mäd­chen. Es reich­te ge­ra­de so aus, um es dem Kind zu er­mög­li­chen, die Hän­de sei­ner Mut­ter zu se­hen.

„Es tut mir lei­d“, sag­te er dann, lehn­te den Kopf ge­gen den Fel­sen und ver­such­te, die Sch­mer­zen in sei­nem Bein zu igno­rie­ren.

„Was tut Euch leid? Dass Ihr uns hier ein­ge­sperrt habt, oder dass Ihr ei­ne Sied­lung vol­ler Frau­en und Kin­der an­ge­grif­fen habt?“

Gre­gor ant­wor­te­te nicht. Auch er war über­rascht ge­we­sen, was er in den Höh­len un­ter der Nord­flan­ke des Gond­he­im­pas­ses vor­ge­fun­den hat­te. Sei­ne Spio­ne hat­ten von ei­nem der größ­ten Re­bel­len­la­ger des Lan­des ge­spro­chen, und in der Tat war es das ers­te Mal, dass sie ei­ne der­art um­fas­sen­de In­stal­la­ti­on auf­ge­spürt hat­ten. Doch statt ei­ner Ka­ser­ne, statt Waf­fen­la­gern, statt un­zäh­l­i­gen be­waff­ne­ten Män­nern, hat­te er ei­nen Hau­fen Frau­en, Kin­der, Al­te und Ver­sehr­te vor­ge­fun­den. Si­cher­lich Re­bel­len, si­cher­lich ein Herd der Un­ru­he, aber kei­ne Men­schen, die man mit ei­ner Ar­mee von Weißrö­cken nie­der­wer­fen muss­te.

„Wir woll­ten ei­nen Ge­heim­gang bau­en“, flüs­ter­te das Mäd­chen plötz­lich zu dem klei­nen Licht­chen, das über ih­ren Fin­gern schweb­te. „Hin­ter der Wand ist ein klei­ner Bach, der in ei­nem Was­ser­fall aus aus dem Fel­sen tritt. Wir sind den Lauf hoch­ge­k­let­tert und ha­ben Ter­an­que und Se­bas­ti­an be­lauscht, wie sie hier rum­ge­k­nutscht ha­ben.“ Das Mäd­chen ki­cher­te.

„Wo, Ma­ri­el?“, frag­te El­lan nach ei­nem Mo­ment der Über­ra­schung. „Wo fließt der Bach ent­lang?“

Ma­ri­el lös­te sich aus der schüt­zen­den Um­ar­mung und kroch zu ei­ner klei­nen Tru­he, schob sie zur Sei­te und deu­te­te auf ei­nen Spalt in der Wand, hin­ter dem man nun, oh­ne das dämp­fen­de Holz, das lei­se Rau­schen von Was­ser ver­neh­men konn­te.

Gre­gor ließ das Licht­chen näh­er her­an­schwe­ben. Der Spalt war kaum drei Hand breit und nicht hoch ge­nug, um ei­ne Faust hin­durch­zu­ste­cken.

„Al­so doch nur ver­hun­gern, statt er­sti­cken“, kom­men­tier­te er sar­kas­tisch. Doch El­lan küss­te ih­re Toch­ter dank­bar auf die Stirn und be­gann, sich an der Tru­he zu schaf­fen zu ma­chen. Da­rin be­fand sich reich­lich Plun­der: Stum­mel von Sie­gel­wachs, Per­ga­ment­fet­zen, Gra­phi­t­res­te, Kor­ken, Schnü­re. Schier be­geis­tert be­gann El­lan, da­rin zu wüh­len und mehr tas­tend als se­hend et­was zu­sam­men­zu­bau­en, das Gre­gor nicht er­ken­nen konn­te.

„Was er­hofft Ihr Euch von die­sem Spiel?“, frag­te er nach ei­ner Wei­le, um ge­gen den im­mer stär­ker auf ihn ein­drin­gen­den Schlaf an­zu­kämp­fen.

„Ich ho­le uns Hil­fe“, er­klär­te sie knapp.

„Wie?“, lach­te er auf, „in­dem Ihr ein Schiff­chen aus Kor­ken und Per­ga­ment den Bach hin­un­ter­t­rei­ben lasst?“

„Ge­n­au“, ant­wor­te­te sie un­be­ein­druckt. Er schn­auf­te, und sei­ne Au­gen­li­der wur­den schwer.

Metadaten

Der Magier und die Heilerin

von Tina Giesler aus Dembelo

Creative Commons Lizenzvertrag