Beta

Ali­s­tair hät­te schla­fen sol­len. Es nicht zu tun, war mehr als un­ver­nünf­tig, doch er war über­flüs­si­ger­wei­se sei­ne No­ti­zen über das Salz durch­ge­gan­gen. Er nahm es schon fast sein ge­sam­tes Le­ben ein. Es war ganz selbst­ver­ständ­lich, je­den Tag ei­ne Do­sis. Ei­ne mil­chi­ge Lö­sung, die leicht nach Ozon roch und auf der Zun­ge pri­ckel­te. Er kann­te die Zu­sam­men­set­zung, die kor­rek­te Do­sie­rung, wuss­te, wie man sie im Not­fall selbst in der ferns­ten Wild­nis her­s­tell­te. Er kann­te auch die Wir­kung: die Ru­he, die ihn nach der Ein­nah­me er­füll­te. Zu­frie­den­heit. Vol­le Kon­zen­t­ra­ti­on. Er kann­te die Zau­ber, die ihm durch das Salz mög­lich wur­den … Er wuss­te al­les über das Salz.

Er­neut fuhr er mit dem Fin­ger die Zei­len sei­ner No­ti­zen ab, buch­sta­bier­te die Wor­te ge­ra­de­zu. Er konn­te drei Spra­chen flie­ßend le­sen und sch­rei­ben, doch die Ab­schrif­ten, die er selbst an­ge­fer­tigt hat­te, schie­nen sich sei­nem Be­g­rei­fen zu ent­zie­hen.

„Das Netz­werk aus Salz­kri­s­tal­len er­st­reckt sich durch den ge­sam­ten Kör­per“, las er müh­sam, oh­ne es sich auch nur im An­satz vor­s­tel­len zu kön­nen. „Durch spe­zi­el­le Gra­vu­ren und Boh­run­gen in der Kon­trol­l­ein­heit wird das ein­ge­hen­de Si­g­nal ei­ner­seits an die Mus­keln über­mit­telt und löst dort ei­ne so­for­ti­ge Hand­lung aus, an­de­rer­seits kommt es zu ei­ner Spie­ge­lung, die dem Ge­hirn ei­ne da­zu pas­sen­de Plau­si­bi­li­sie­rung ver­mit­telt. So ist si­cher­ge­s­tellt, dass das Ob­jekt von sei­nen Ta­ten stets über­zeugt ist.“

Die Wor­te er­ga­ben über­haupt kei­nen Sinn, und doch las er sie im­mer und im­mer wie­der.

„Bei höhe­ren Do­sen wächst das Salz­ge­f­lecht bin ins Ge­hirn und ver­ur­sacht dort blei­ben­de Schä­den.“

Ali­s­tair sah durchs Fens­ter in ei­nen tr­ü­b­en Mor­gen, stand auf und ging zur Wasch­schüs­sel. Er muss­te sich frisch ma­chen. Sich ra­sie­ren. Es wa­ren rou­ti­nier­te Hand­grif­fe: wa­schen, ein­sei­fen, die ge­üb­ten Be­we­gun­gen mit der Klin­ge, die wei­ße Uni­form an­le­gen – ob­wohl die Ster­ne am Kra­gen fehl­ten. Ali­s­tair be­trach­te­te lan­ge die lee­re Stel­le an sei­ner Schul­ter. Et­was Ro­tes blitz­te in sei­nem Au­gen­win­kel auf. Er blin­zel­te und riss sei­nen star­ren Blick los. Das Ra­sier­mes­ser war vol­ler Blut. Er hat­te sich ge­schnit­ten, zum ers­ten Mal in sei­nem Le­ben. Er schüt­tel­te den Kopf. Kein Wun­der, so wie sei­ne Hand zit­ter­te. Aber warum zit­ter­te sei­ne Hand?

Ei­nen Mo­ment lang stand er un­schlüs­sig da, als hät­te er sich so­e­ben an et­was Wich­ti­ges er­in­nert, es aber so­fort wie­der ver­ges­sen. Er wuss­te nicht wir­k­lich, was er jetzt tun soll­te. Er war vom ak­ti­ven Di­enst ent­bun­den, aber nicht frei­ge­s­tellt. Al­so wür­de er war­ten. Es wa­ren kei­ne wei­te­ren Hin­rich­tun­gen ge­plant, der Gal­gen wür­de al­so ex­t­ra für ihn auf­ge­baut wer­den müs­sen, und es hat­te seit Ta­gen ge­reg­net, das wür­de al­les nur noch wei­ter ver­zö­gern. Wenn er kei­ne sons­ti­ge Or­der hat­te, muss­te er sich um die Sch­reib­ti­sch­ar­beit küm­mern. Rich­tig. Da­mit hat­te er ge­nug zu tun. Sein Blick fiel auf die Gän­se­fe­der, die auf dem Tisch lag. Ver­wun­dert stell­te er fest, dass auch sie mit Blut be­f­leckt war. Er hat­te sich ges­tern hef­ti­ger ge­k­ratzt, als er ge­dacht hat­te. Er setz­te sich wie­der an den Tisch, las die Zei­len, die er ge­schrie­ben hat­te, er­neut.

„Bei höhe­ren Do­sen wächst das Salz­ge­f­lecht bis ins Ge­hirn und ver­ur­sacht dort blei­ben­de Schä­den. Die Ob­jek­te kön­nen bei vol­ler Si­g­nal­stär­ke je­doch bis zu zehn Jah­re die­nen, be­vor es zu töd­li­chen Hirn­blu­tun­gen kommt.“

Er dach­te an die Män­ner, die er in den Ma­növ­ern be­feh­ligt hat­te. Fuß­sol­da­ten – stil­le, fo­kus­sier­te Krie­ger, die nie wi­der­spra­chen, nie lach­ten oder aus­fäl­lig wur­den. Er er­in­ner­te sich an den Gleich­klang ih­rer Schrit­te, das Ge­fühl, sie wür­den selbst im Gleich­takt at­men. Ei­ne be­wun­derns­wer­te Per­fek­ti­on von Dis­zi­p­lin, die er selbst vi­el­leicht auch er­lan­gen konn­te, falls man sich ge­gen den Gal­gen ent­schied. Doch wie­so fand er die­sen Ge­dan­ken so ge­spens­tisch, dass ihm frö­s­t­el­te?

Ein bren­nen­der Sch­merz ließ ihn die Fra­ge ver­wer­fen. Er hob die Hand und be­merk­te, dass er noch im­mer das Ra­sier­mes­ser hielt. Er ließ es fal­len und fass­te sich in den Na­cken. Mit ei­nem zi­schen­den Laut zog er die Hand wie­der zu­rück. Sei­ne Fin­ger wa­ren blu­tig. So­fort trat er wie­der an die Wasch­schüs­sel, um sich die Hän­de zu wa­schen und die Wun­de zu ver­sor­gen, doch das Was­ser war be­reits rot. Ver­wirrt starr­te er in den Spie­gel. Der Mann, der ihm ent­ge­gen­blick­te, war wie ein Frem­der. Der wei­ße Kra­gen, die Auf­schlä­ge mit gol­de­nen Knöp­fen an den Schul­tern, al­les war mit Blut ver­sch­miert. Nicht nur mit fri­schem, ro­tem Blut, auch mit brau­nem, längst ver­krus­te­tem. Er kniff die Au­gen zu­sam­men und ball­te die Hän­de zu Fäus­ten, als müss­te er sich et­was un­be­dingt in Er­in­ne­rung ru­fen, was ihm ein­fach nicht ein­fal­len woll­te. Dann ging er zu­rück zum Sch­reib­tisch. Er durf­te sich nicht von der Ar­beit ab­hal­ten las­sen.

„Durch spe­zi­el­le Gra­vu­ren und Boh­run­gen in der Kon­trol­l­ein­heit wird das ein­ge­hen­de Si­g­nal ei­ner­seits an die Mus­keln über­mit­telt und löst dort ei­ne so­for­ti­ge Hand­lung aus, an­de­rer­seits kommt es zu ei­ner Spie­ge­lung, die dem Ge­hirn ei­ne zur Tat pas­sen­de Plau­si­bi­li­sie­rung ver­mit­telt. So ist si­cher­ge­s­tellt, dass das Ob­jekt von sei­nen Ta­ten stets über­zeugt ist. Bei höhe­ren Do­sen wächst das Salz­ge­f­lecht bis ins Ge­hirn und ver­ur­sacht dort blei­ben­de Schä­den. Die Ob­jek­te kön­nen bei vol­ler Si­g­nal­stär­ke je­doch bis zu zehn Jah­re die­nen, be­vor es zu töd­li­chen Hirn­blu­tun­gen kommt. Wäh­rend das ge­sam­te Sys­tem mit ge­zielt ge­wirk­ten Zau­bern ge­steu­ert wer­den kann, fängt nur die Kon­trol­l­ein­heit au­to­ma­tisch ge­sen­de­te Si­g­na­le auf und ver­hin­dert das Aus­b­re­chen ei­nes Ob­jekts aus der Plau­si­bi­li­sie­rung. Die Ent­fer­nung der Kon­trol­l­ein­heit ist den Ob­jek­ten durch die Pri­mär­dok­trin un­mög­lich.“

Die Tür hin­ter ihm öff­ne­te sich ge­räu­sch­los und Ina­ra husch­te hin­ein, die Tür so­fort wie­der sch­lie­ßend. Ihr lin­kes Au­ge war un­an­sehn­lich an­ge­schwol­len, die Wan­ge dar­un­ter dun­kel ver­färbt, und auf ih­rer Lip­pe hat­te sich ei­ne di­cke Krus­te ge­bil­det. Ali­s­tair be­trach­te­te die stark ein­sei­ti­gen Ver­let­zun­gen und über­leg­te, ob der Kon­trast zur un­ver­letz­ten rech­ten Sei­te den Ef­fekt er­höh­te, oder ob er auch mit Links hät­te zu­schla­gen sol­len. Ei­ne Trä­ne rann ihm über die Wan­ge, und er strich ihr die Haa­re, die sie vor die Ma­le hat­te fal­len las­sen, sacht zur Sei­te.

„Es tut mir lei­d“, flüs­ter­te er ton­los, ob­wohl er völ­lig im Recht ge­we­sen war.

„Es ist schon gu­t“, ant­wor­te­te sie, er­griff sei­ne Schul­tern und sch­mieg­te sich an ihn. Ih­re Be­rüh­rung war wie ein küh­l­en­der Bal­sam, der ihm Angst mach­te. Er woll­te nicht ster­ben, und doch wür­de er es. Er woll­te sie be­schüt­zen, und doch wür­de er es nicht tun. Er er­wi­der­te die Um­ar­mung nicht.

„Du musst ge­hen“, sag­te sie ir­gend­wann.

„Ich kann nicht ge­hen, ich ha­be Be­fehl zu war­ten“, ant­wor­te­te er. „Und je­de Men­ge Ar­beit auf dem Tisch.“ Ina­ra sah ihn ent­setzt an.

Er lös­te sich aus ih­rer Um­ar­mung und wand­te sich zum Sch­reibtsch. Mit mo­no­to­ner Stim­me las er sei­ne Auf­zeich­nun­gen vor, doch Ina­ra hör­te ihm gar nicht zu. Er­schro­cken starr­te sie auf ih­re blu­ti­gen Hän­de, be­vor sie en­er­gisch sei­nen einst wei­ßen Kra­gen pack­te und ihn zu sich hin­un­ter zog. Ali­s­tair konn­te sich kaum vor­s­tel­len, was sie in sei­nem Na­cken sah. Ei­ne Kon­trol­l­ein­heit? Ein Salz­ge­schwür, das aus sei­ner Haut rag­te wie ab­strak­te Kunst? Oder die Aus­zeich­nung, auf die er so stolz ge­we­sen war, auf de­ren Er­halt er sei­ne gan­ze Kind­heit hin­ge­fie­bert hat­te? Sie war das Zei­chen sei­ner Rei­fe. Der Kri­s­tall hat­te ihn zum Mann ge­macht, zum Sol­da­ten und spä­ter zum Of­fi­zier. Er war ein Zei­chen des Ver­trau­ens, das die Ma­gi­er in ihn setz­ten, denn er ver­lieh ihm ma­gie­ähn­li­che Kräf­te. Er ruck­te von Ina­ra fort, um sie da­von ab­zu­hal­ten, das An­den­ken an die­ses Ver­trau­en zu be­su­deln, ob­wohl er der­je­ni­ge ge­we­sen war, der es miss­braucht hat­te.

Warum sah sie ihn so mit­lei­dig an?

„Es wird sch­lim­mer, nicht war?“

Er hat­te das Ge­fühl, auf die­se Fra­ge nicht ant­wor­ten zu müs­sen.

Ina­ra heil­te die Schnit­te, die kreuz und qu­er über sei­nen Na­cken lie­fen, mit ih­rer Ma­gie. Er hät­te sich bes­ser füh­len sol­len, aber statt­des­sen weck­te das sanf­te Pri­ckeln bit­ters­te Ver­zweif­lung in ihm.

„Was wer­den sie mit dir tun?“, frag­te Ina­ra wei­ter.

„Ich weiß es nicht ge­nau. Ich bin ein Ver­rä­ter, Ver­rä­ter wer­den ge­hängt. Doch ich wur­de nur de­gra­diert. Ich hät­te er­war­tet, Di­enst bei den Fuß­sol­da­ten zu leis­ten, doch ich ha­be nur die Of­fi­ziers­do­sis an Salz be­kom­men.“ Ir­gend­wie er­gab das al­les kei­nen Sinn. Er ver­such­te, sich an die ver­gan­ge­nen Ta­ge zu er­in­nern, die Er­eig­nis­se zu sor­tie­ren und zu ver­ste­hen, wie­so es so weh tat, Ina­ras Ver­let­zun­gen zu se­hen. Er wuss­te noch, dass sie die­se Men­schen ge­fun­den hat­ten. Er er­in­ner­te sich an Schläu­che, Ka­bel, Ma­schi­nen, die selt­sa­me Ge­räu­sche mach­ten, an den Ge­stank nach Des­in­fek­ti­ons­mit­tel und Tod und an das Stöh­nen, Wei­nen, Wim­mern, die­ses lei­se und doch oh­ren­be­täu­ben­de Ge­räusch von Leid.

Die­se Leu­te frei­zu­las­sen, war Ver­rat ge­we­sen. Er hat­te da­zu kein Recht ge­habt, und er ver­stand über­haupt nicht, wie er es hat­te tun kön­nen. Die­se Ob­jek­te hat­ten dem Ma­gis­ter ge­hört, er muss­te den Be­sitz des Ma­gis­ters schüt­zen, denn der Ma­gis­ter trug zum höhe­ren Wohl bei. Ali­s­tairs Blick ging zum Sch­reib­tisch. Hat­te er nicht ge­ra­de et­was ge­le­sen?

„Ver­rä­ter oder Fuß­sol­dat, bei­des be­deu­tet dei­nen To­d“, sag­te Ina­ra.

Ali­s­tair schüt­tel­te den Kopf.

„Die Ob­jek­te kön­nen bei vol­ler Si­g­nal­stär­ke bis zu zehn Jah­re die­nen, be­vor es zu töd­li­chen Hirn­blu­tun­gen komm­t“, zi­tier­te er, oh­ne ge­nau zu wis­sen, wo­her er das wuss­te.

„Ali­s­tair! Das ist das­sel­be wie der Tod. Das Salz wird al­les aus­lö­schen, was du bist. Du wirst über­haupt kei­nen frei­en Wil­len mehr ha­ben, nichts füh­len, dich kaum noch an den ver­gan­ge­nen Tag er­in­nern. Du wirst voll­stän­dig un­ter ih­rer Kon­trol­le ste­hen!“

Ali­s­tairs ge­ball­te Hän­de ver­krampf­ten sich. Er fühl­te sich wie ein Schul­jun­ge. Wie er sich auch ab­müh­te, er konn­te Ina­ras Ar­gu­ment nicht ver­ste­hen. Wenn er kein Of­fi­zier mehr war, muss­te er kei­ne Ent­schei­dun­gen mehr tref­fen. Er war Sol­dat, er muss­te ge­hor­chen, er hat­te im­mer ge­horcht. Auch als Of­fi­zier hat­te er im­mer Be­feh­le ge­habt und war die­sen ge­folgt. Was wür­de sich schon än­dern? In Ina­ras Au­gen tra­ten Trä­nen. Sie öff­ne­te den Mund, als wür­de sie ihm et­was er­klä­ren wol­len, doch dann schüt­tel­te sie den Kopf und trat an ihm vor­bei zum Sch­reib­tisch.

„Ich ha­be ein Buch ge­fun­den, in dem der Auf­bau der Kon­trol­l­ein­heit er­klärt wird. Um sie zu ent­fer­nen, bräuch­te ich ein Kon­strukt, das mei­ne Ma­gie ge­gen die Salz­fä­den, die von der Kon­trol­l­ein­heit aus­ge­hen, iso­liert. Ich ha­be ver­sucht, ei­nes zu fin­den, aber Va­ter hat mir al­le Rech­te entzo­gen. Je­der Die­ner im Haus ist an­ge­wie­sen, mich so­fort in mein Zim­mer zu­rück­zu­brin­gen. Ich ha­be über ei­ne Stun­de ge­braucht, um mich hier­her zu sch­lei­chen. Wenn ich oh­ne das Kon­strukt ver­su­che, den Kri­s­tall zu ent­fer­nen, könn­te ich dir durch das Salz­netz­werk in dei­nem Kör­per ei­nen töd­li­chen Schlag ver­set­zen, da­her kann ich ihn nicht her­aus­schnei­den. Aber ich ha­be ein Ka­pi­tel ge­fun­den, in dem be­schrie­ben wird, wie man die all­ge­mei­nen Si­g­na­le der Sen­de­mas­ten um­ge­hen kann.“

Er nick­te, setz­te sich an den Sch­reib­tisch und war­te­te. „Nur die Kon­trol­l­ein­heit fängt au­to­ma­tisch ge­sen­de­te Si­g­na­le auf und ver­hin­dert das Aus­b­re­chen ei­nes Ob­jekts aus der Plau­si­bi­li­sie­rung“, las er vor. Ina­ra wisch­te sich über die Au­gen, wech­sel­te das Was­ser in der Wasch­schüs­sel und wirk­te ei­nen Zau­ber auf die Tür. Als sie das Ra­sier­mes­ser ma­gisch des­in­fi­zier­te, tanz­ten klei­ne Fünk­chen über die Klin­ge.

Ina­ra hol­te tief Luft, knie­te sich vor ihm hin und reich­te ihm das Mes­ser . Er sah sie ver­ständ­nis­los an. Mit an­ge­spann­ter, aber fes­ter Stim­me be­fahl sie sch­ließ­lich: „Tu es selbst. Schnei­de den Kri­s­tall her­aus.“ Sei­ne Hand griff nach dem Mes­ser. Er neig­te den Kopf nach vorn, setz­te die Klin­ge an und mach­te ei­nen präzi­sen Schnitt. Ein Sch­rei wie von ei­nem Tier hall­te durch den Raum. Erst als er sah, dass Ina­ra die Lip­pen fest zu­sam­men­press­te, wur­de ihm klar, dass die­ser Laut von ihm kam. Er spür­te, wie das Me­tall der Klin­ge auf et­was Har­tes traf. Sein Arm zit­ter­te vor Sch­merz, aber er setz­te das Mes­ser er­neut an. Ina­ra griff ein Li­neal vom Tisch und steck­te es ihm zwi­schen die Zäh­ne, au­to­ma­tisch biss er zu.

„Tief at­men“, sag­te sie. Er ge­horch­te. Sei­ne Rip­pen ho­ben und senk­ten sich qual­voll, wäh­rend er die Klin­ge als He­bel be­nutz­te und wim­mernd das har­te Et­was frei­leg­te. Sch­ließ­lich pack­te er es mit zwei Fin­gern zu und riss da­ran. Ein eis­kal­tes Bren­nen ging durch sei­nen gan­zen Kör­per, und er schnapp­te nach Luft, als wür­de er aus tie­fem Was­ser auf­tau­chen. Dann wur­de al­les schwarz.

Als er wie­der zu sich kam, hielt Ina­ra ihn auf sei­nem Stuhl auf­recht. „Wir müs­sen weg!“, flüs­ter­te sie ein­dring­lich, und es war, als wür­de er ih­re Stim­me zum ers­ten Mal in sei­nem Le­ben hö­ren. Trä­nen ran­nen über sei­ne Wan­gen, als er ihr ge­schun­de­nes Ge­sicht be­trach­te­te.

„Es tut mir leid, es tut mir so leid!“, stam­mel­te er, und die Knie wur­den ihm weich.

„Ja, ich weiß. Ich weiß, dass das nicht du warst. Er hat es dir be­foh­len. Dich wird nie wie­der je­mand zu et­was zwin­gen kön­nen. Aber jetzt müs­sen wir uns be­ei­len, wir müs­sen hier weg!“, dräng­te sie und leg­te sich sei­nen Arm um die Schul­tern, als er nach vor­ne stol­per­te und fast fiel.

Die gan­ze Welt wirk­te auf ein­mal so fremd, sein ei­ge­ner Kör­per fühl­te sich falsch an. Er muss­te sich auf je­den Schritt kon­zen­trie­ren, wäh­rend er Ina­ra durch das La­byrinth ihm wohl be­kann­ter Flu­re in den Kel­ler folg­te, durch un­ter­ir­di­sche Gän­ge, hin­aus aus dem Haus. Je­de ein­zel­ne Ab­zwei­gung stell­te ihn vor ei­ne un­lös­ba­re Auf­ga­be.

Als sie in die Son­ne hin­au­s­t­ra­ten, fühl­te es sich an, als wür­de er in den Him­mel stür­zen. Er über­gab sich. Al­le Far­ben wirk­ten auf ein­mal so grell. Es herrsch­te ein un­be­sch­reib­li­cher Lärm aus Vo­gel­stim­men und dem Sum­men von In­sek­ten. Der Wind auf sei­ner Haut fühl­te sich an wie ein Reib­ei­sen, und sein Schä­d­el tön­te, als stün­de er ne­ben ei­ner an­ge­schla­ge­nen Feu­er­g­lo­cke. Sei­ne Ge­dan­ken ent­g­lit­ten ihm.

Als er wie­der klar wur­de, lag er auf feuch­tem Wald­bo­den, den Kopf in Ina­ras Schoß. Ih­re lan­gen Fin­ger stri­chen ihm durchs Haar, und sie summ­te ein al­tes Wie­gen­lied. Sei­ne Sin­ne wa­ren im­mer noch über­reizt, doch das Häm­mern ei­nes Bunt­spechts er­zeug­te kein Echo mehr in sei­nem Kopf. An die Stel­le der Flut von Ein­drü­cken war ei­ne un­end­li­che Lee­re ge­t­re­ten, in der sich ers­te Ge­dan­ken bil­de­ten. Die ers­ten seit lan­ger Zeit, von de­nen er si­cher sein konn­te, dass es nur sei­ne wa­ren.

Es wa­ren kei­ne sc­hö­nen Ge­dan­ken, und aus ih­nen al­len her­aus rag­te die Er­kennt­nis, dass Ina­ra zwar „wir“ ge­sagt, aber nur ihn ge­meint hat­te. Sie war Ma­gie­rin. Egal was ge­sche­hen war, egal was sie ge­tan hat­te, was sie ris­kiert hat­te, um ih­ren Va­ter auf­zu­hal­ten: Au­ßer­halb der Ma­gier­ge­sell­schaft war sie in Le­bens­ge­fahr. Und er konn­te nie wie­der dort­hin zu­rück.

Es fühl­te sich fremd an, so zu den­ken, doch das In­fer­no in sei­ner Brust war noch viel frem­der und über­wäl­ti­gen­der. Je­de Emp­fin­dung war auf ein­mal un­ge­fil­tert, als kä­me sie dich­ter an ihn heran. Das ein­zig ver­trau­te war die­ses war­me, in­ni­ge Ge­fühl für Ina­ra. Er lieb­te sie, nach wie vor und un­ve­r­än­dert, als wä­re es das Ein­zi­ge, was in sei­nem bis­he­ri­gen Le­ben echt ge­we­sen war. Er muss­te sie zu­rücklas­sen, trotz al­lem, was er im Haus des Ma­gis­ters ge­se­hen hat­te. Die­se Er­kennt­nis war sch­merz­haf­ter als die Schnit­te in sei­nem Na­cken es ge­we­sen wa­ren.

Er schlang die Ar­me um ih­re Ober­schen­kel und konn­te nur noch sch­rei­en. Wie ein Kind roll­te er sich in ih­rer Um­ar­mung zu­sam­men, von rau­em Schluch­zen ge­schüt­telt. Sie barg ihn wie ei­ne Mut­ter an ih­rer Brust, strich ihm wie­der und wie­der über den Rü­cken und flüs­ter­te, selbst un­ter Trä­nen, be­ru­hi­gen­de Wor­te. Als er kei­ne Kraft mehr hat­te, um zu wei­nen, zog sie ihn hoch, küss­te ihn ein letz­tes Mal und sag­te: „Du musst ge­hen.“

Er woll­te ge­hor­chen. Stemm­te sich müh­sam in die Höhe. Wand­te sich ab. Und ver­harr­te. Je­de Rich­tung, in die er blick­te, sah gleich aus.

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Der Kontrollkristall der Weißröcke

von Tina Giesler aus Dembelo

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