Beta

„Willst du mir wir­k­lich er­zäh­len, du wür­dest je­den Mann ken­nen, der im Fel­sen­dom ge­lebt hat?“, zisch­te El­lan und zog un­auf­fäl­lig den schwe­ren Stein, der nachts ih­re Tür si­cher­te, heran. Sie wür­de nicht zu­las­sen, dass die­se Hor­noch­sen ih­re Hüt­te be­t­ra­ten. Doch ihr war sehr wohl klar, dass sie ih­nen nichts au­ßer ih­rer Au­to­ri­tät ent­ge­gen­zu­set­zen hat­te, aber ein ge­p­rell­ter Zeh, weil die Tür nicht wie er­war­tet nach­gab, war ei­ne gu­te Un­ter­ma­lung eben die­ser.

Der Tu­mult vor der Tür wur­de lau­ter, und El­lan ver­stand die Vor­wür­fe nicht ein­mal. Es war ja auch egal, sie wuss­te, dass die Män­ner ihr un­ter­s­tell­ten, ei­nen Ma­gi­er ge­ret­tet zu ha­ben, und sie wuss­te ge­n­au­so gut, dass sie recht hat­ten. Aber es än­der­te nichts da­ran, dass Gre­gor Fach­hau­ser – der ge­fürch­te­te Re­bel­len­jä­ger, auf des­sen Kon­to un­ge­zähl­te Op­fer gin­gen – nun ihr Pa­ti­ent war. Sie konn­te es sich selbst nicht wir­k­lich er­klä­ren. Fach­hau­ser war ein Schläch­ter, ein Mons­ter, ein Mör­der! Sie hät­te ihn auf der Stel­le er­s­te­chen sol­len, oder ver­blu­ten las­sen – ver­gif­ten konn­te sie ihn je­der­zeit. Aber sie tat es nicht. Ir­gendet­was hielt sie da­von ab. Et­was in der Stim­me, die den Weiß­rock da­ran ge­hin­dert hat­te, sie und Ma­ri­el zu er­schla­gen, et­was in dem Lächeln, das er Ma­ri­el ge­schenkt hat­te, als er ihr das win­zi­ge Licht­chen ge­schickt hat­te, die­ser Aus­druck in sei­nem viel zu jun­gen Ge­sicht, wäh­rend er stän­dig das Be­wusst­sein ver­lor … Sie war Hei­le­rin. Sie tö­te­te nicht, wenn es nicht nö­t­ig war, und es war nicht nö­t­ig.

Ma­ri­el dräng­te sich an den Rock ih­rer Mut­ter. Trä­nen füll­ten ih­re dun­k­len Au­gen, und ihr run­des Ge­sicht wirk­te wie das ei­ner Fünf­jäh­ri­gen.

„Ihr macht dem Kind Angst! Lasst uns in Frie­den!“, fuhr El­lan die Män­ner auf ih­rer Schwel­le an und leg­te den Arm trös­t­end um ih­re Toch­ter. „Er ist noch nicht ein­mal bei Be­wusst­sein! Gebt ihm ein paar Ta­ge, wenn er zu sich kommt, wird er euch schon sa­gen kön­nen, wer er ist.“

Der Mann wich vor Ma­riels Sch­mod­der­na­se und den trä­n­en­über­flu­te­ten Au­gen zu­rück, und El­lan schlug die Tür zu.

Kaum hat­te sie den Rie­gel und den schwe­ren Stein vor­ge­scho­ben, da hat­te Ma­ri­el ih­re Trä­nen und den thea­tra­li­schen Rotz schon weg­ge­wischt und hüpf­te mun­ter lächelnd zu der Lie­ge hin­ter dem schwe­ren Vor­hang, der die Pa­ti­en­ten vor Durch­zug und neu­gie­ri­gen Bli­cken schüt­zen soll­te.

„Du bist ei­ne ech­te Künst­le­rin. Du soll­test in den Thea­tern von Ke­desh auf­t­re­ten, klei­nes Fräu­lein“, scherz­te Gre­gor matt und hob ei­ne Hand, die Ma­ri­el freund­lich er­griff.

„Zeig mir die Sch­met­ter­lin­ge!“, bat Ma­ri­el und hüpf­te vor sei­nem La­ger auf und ab.

„Lass ihn schla­fen, Ma­ri­el!“, wies El­lan sie zu­recht und zog das Kind zu­rück. Gre­gor sch­loss die Au­gen, doch sei­ne Fin­ger be­weg­ten sich, und El­lan sah aus den Au­gen­win­keln, wie flir­ren­de Sch­met­ter­lin­ge über sei­nem Bett zu tan­zen be­gan­nen und Ma­ri­el jauch­zen lie­ßen, ehe sie wie Fun­ken ei­nes La­ger­feu­ers ver­lo­schen.

„Hol Was­ser, Kin­d“, wies sie Ma­ri­el an und drück­te ihr ei­nen Ei­mer in die Hand. „Nur halb voll, geh lie­ber zwei­mal, als dir die Schul­tern zu zer­ren.“

Sie at­me­te tief durch und blieb un­schlüs­sig mit­ten im Raum ste­hen, wäh­rend Ma­ri­el durch die klei­ne Klap­pe in der Rück­wand der Hüt­te ver­schwand. Dann strich sie ih­ren Rock glatt, ob­wohl sie nicht wuss­te wo­zu, und ging zu­rück zum Kran­ken­la­ger.

„Wie geht es nun wei­ter?“, frag­te sie oh­ne ei­ne Ein­lei­tung und ver­schränk­te die Ar­me vor der Brust. „Ihr habt uns das Le­ben ge­ret­tet, wir Euch das Eu­re. So­bald Ihr auf­ste­hen könnt, sind wir quitt.“

Gre­gor drück­te sich auf die Ell­bo­gen hoch und ver­such­te so­gar, sich auf­zu­set­zen, doch sei­ne Ar­me zit­ter­ten, und er gab es auf.

„Ja“, ant­wor­te­te er, ob­wohl El­lan spür­te, dass es nicht das war, was er wir­k­lich sa­gen woll­te. „Ich wer­de ver­schwin­den, so­bald ich es kann, und mich so weit von Euch ent­fernt hal­ten wie mög­lich.“ Er wand­te den Blick zu Bo­den und füg­te mur­melnd hin­zu: „Wenn Ihr das wünscht.“

Sie strich er­neut ih­ren Rock glatt, un­si­cher, wie sie die Be­mer­kung deu­ten soll­te. Sie hat­te so viel von Gre­gor Fach­hau­ser ge­hört, so vie­le Bil­der in ih­rem Kopf ge­habt, ihn mit so viel Blut und so vie­len Wun­den in Ver­bin­dung ge­bracht. Doch der Mann, der ge­schwächt und oh­ne je­g­li­che ma­gi­sche Kraft vor ihr lag, den Blick schüch­t­ern ab­wen­dend und mit ih­rer Toch­ter scher­zend …

„Ja“, be­stä­tig­te sie und wand­te sich ab, um zu ge­hen. Doch dann platz­te es aus ihr her­aus; wie ei­ne Fu­rie wir­bel­te sie her­um und fauch­te ihn an: „Wie konn­tet Ihr das al­les tun? Der Hin­ter­halt am Ak­tál-Ar­te­fakt, die Po­grom­nacht von Ais­ka­land, das Massa­ker von Sa­ga­le! Ihr habt tau­sen­de von Men­schen ge­tö­tet! Die Hälf­te da­von wa­ren Zi­vi­lis­ten! Flücht­lin­ge! Frau­en, Kin­der! Al­lein im Fel­sen­dom sind hun­der­te Men­schen ge­s­tor­ben, die euch nichts ge­tan hat­ten!“

Gre­gor wand­te den Blick zur Wand. Er war krei­de­b­leich ge­wor­den. Sei­ne Kräf­te lie­ßen nach, und er sank auf das dün­ne Kis­sen.

„Es war ein Abenteu­er“, flüs­ter­te er dann, und in sei­ner Stim­me lag tief emp­fun­de­nes Leid. El­lan spür­te, wie ih­re Knie zu zit­tern be­gan­nen und sie ein ei­si­ger Schau­er durch­lief.

„Ein Abenteu­er?“, wie­der­hol­te sie ton­los. Dann wand­te sie sich ab und trat zur Koch­s­tel­le, wo sie nach ei­nem Ton­be­cher griff, um ei­nen Schluck Was­ser zu trin­ken. Doch kaum hat­te sie das Ge­fäß um­fasst, spür­te sie ih­re Wut. Sie krampf­te die Fin­ger um den Ton, bis ih­re Knöchel weiß wur­den, hör­te ih­re Zäh­ne knir­schen und schlug den Be­cher mit vol­ler Wucht ge­gen das stei­ner­ne Spül­be­cken. Der Ton zer­barst und schnitt ihr in die Haut. Kurz ent­sch­los­sen hielt sie die ver­letz­te Hand in das kal­te Was­ser im Spül­be­cken und be­o­b­ach­te­te die ro­ten Sch­lie­ren, die sich da­rin aus­b­rei­te­ten.

oOo

„Manch­mal ist es heil­sa­mer, auf et­was zu ver­zich­ten.“

El­lan wie­der­hol­te die­sen Satz stän­dig, und Gre­gor konn­te es nicht mehr hö­ren! Er woll­te ei­nen Sud, ei­ne Pil­le, ei­nen Zau­ber­trank, ir­gendet­was, das sein Bein end­lich ver­hei­len ließ. Mit Ellans Hil­fe hat­te er die Dorf­be­woh­ner, al­le­s­amt Re­bel­len, da­von über­zeu­gen kön­nen, nur ein Flücht­ling aus Sa­ga­le zu sein, was ihm nicht schwer­ge­fal­len war. Be­reits die Spie­le­rei­en, die er zu Ma­riels Vergnü­gen auf­führ­te, er­sc­höpf­ten sei­ne ma­gi­schen Kräf­te völ­lig, und die Tricks, die die Re­bel­len ver­wen­de­ten, um Ma­gi­er zu ent­lar­ven, wa­ren ge­ra­de­zu lächer­lich. Si­cher, ei­nen Kampf­ma­gi­er hät­ten sie da­mit auf­ge­spürt, aber kaum die Hälf­te der ma­gie­be­gab­ten Be­völ­ke­rung ver­füg­te über aus­rei­chend gro­ße Kräf­te, dass die­se In­stru­men­te rea­giert hät­ten. Er er­wog, El­lan da­von zu er­zäh­len. Ihr zu er­klä­ren, wie sie über ei­ne simp­le Blut­pro­be nicht nur die ma­gi­sche Be­ga­bung fest­s­tel­len konn­te, son­dern auch die Fa­mi­lie, zu der der Ma­gi­er ge­hör­te. Es wä­re Hoch­ver­rat. Da­durch wür­den mit ei­nem Schlag al­le Spio­ne ent­larvt, die er so müh­sam un­ter die Re­bel­len ge­sch­leust hat­te. Die­sel­ben Spio­ne, die ihm den Fel­sen­dom als ei­ne ge­wal­ti­ge Waf­fen­kam­mer be­schrie­ben hat­ten …

Vi­el­leicht wür­de er durch die­se In­for­ma­ti­on et­was von Ellans Wohl­wol­len zu­rück­ge­win­nen, das er durch sei­ne lächer­li­che Ant­wort auf ih­re Fra­ge so leicht­fer­tig ver­spielt hat­te. Doch was hät­te er ihr sonst sa­gen sol­len? Hät­te er sa­gen sol­len, dass er ei­ne Recht­fer­ti­gung brauch­te, um von sei­nem Va­ter nicht an den Oh­ren in den Rats­saal von Wei­ße­negg ge­zerrt zu wer­den? Hät­te sie ver­stan­den, dass er ein Ge­fan­ge­ner sei­nes ei­ge­nen Na­mens war und dass er es für ehr­li­cher er­ach­te­te, den Men­schen, die er tö­te­te, durch sei­ne di­rek­te An­we­sen­heit auch die Chan­ce zu ge­ben, ihn zu tö­ten, an­statt in ei­nem staub­tro­cke­nen Rats­raum hin­ter di­cken Mau­ern zu sit­zen und mit lee­rem Ge­re­de und sei­ner Un­ter­schrift Leid über Zehn­tau­sen­de zu brin­gen?

Er schäm­te sich – schäm­te sich für sei­ne Feig­heit, für sei­ne Ta­ten und für all die Lü­gen, die er sich selbst er­zähl­te, nur um nicht von sich selbst an­ge­wi­dert zu sein.

Er sah wie­der den Sol­da­ten mit ge­zo­ge­nem Schwert über El­lan und Ma­ri­el ste­hen. Er hat­te ihn auf­ge­hal­ten, oh­ne zu wis­sen, wes­halb. Er hat­te die Au­gen so oft ge­sch­los­sen, den Ekel beim An­blick der zer­schla­ge­nen Kör­per so oft hin­un­ter­ge­schluckt, die Zwei­fel und das Mit­leid so oft ver­drängt. Doch in die­sem Mo­ment war es ein­fach ge­nug ge­we­sen, als ob ei­ne Gren­ze über­schrit­ten wor­den wä­re, das Fass end­lich über­ge­lau­fen. Er konn­te nicht wie­der zu­rück, er konn­te hier nicht weg­ge­hen und so wei­ter­ma­chen wie zu­vor. Ab­ge­se­hen da­von, dass er hier eben nicht weg­ge­hen konn­te.

Flu­chend be­weg­te er das stei­fe und kraft­lo­se Bein.

„Psst!“, kam es von Mut­ter und Toch­ter, die hin­ter dem Vor­hang Rü­b­en schäl­ten.

Gre­gor schluck­te schwer. Seit fast ei­nem Mo­nat war er in die­ser Hüt­te ge­ra­de­zu ge­fan­gen. El­lan gab ihm klei­ne Be­we­gungs­auf­ga­ben, die er im Lie­gen oder Sit­zen aus­füh­ren konn­te, doch die­se zehr­ten nur an sei­nen Ner­ven. Im­mer wie­der ver­such­te er auf­zu­ste­hen, lan­de­te da­bei aber re­gel­mä­ß­ig auf dem Bo­den. El­lan schimpf­te ihn dann aus und brach­te ihn zu­rück ins Bett. Wie ein Kind. Und doch stör­te es ihn nicht, zu­min­dest nicht so, wie es ihn hät­te stö­ren sol­len.

Die Un­tä­tig­keit war un­er­träg­lich. Er konn­te nicht auf­ste­hen, nicht ge­hen und kei­ne Ma­gie wir­ken. Sein Stolz brach­te ihn je­des­mal bei­na­he um, wenn er sei­ne Not­durft in ei­nen Ei­mer ne­ben dem Bett ver­rich­ten muss­te und dann zu­se­hen, wie Ma­ri­el mit dem Ei­mer nach drau­ßen ging. Die­sen tro­cke­nen Fleck in sei­nem Ra­chen, den der Man­gel an ma­gi­scher Kraft ver­ur­sach­te, hät­te er sich am liebs­ten samt der hal­ben Keh­le her­aus­ge­ris­sen, doch das Sch­limms­te war die­ses selt­sa­me Zie­hen in sei­ner Brust, je­des­mal, wenn er in Ellans Ge­sicht sah.

Seit ih­rem Aus­bruch, seit dem Tag, an dem sie ihm klar­ge­macht hat­te, dass sie sehr ge­nau wuss­te, wer er war und was er ge­tan hat­te, lag auf die­sem Ge­sicht ein Be­dau­ern. Als hät­te er sie ent­täuscht. Er kann­te die­sen Ge­sichts­aus­druck, sein Va­ter trug ihn seit Jah­ren. Aber bei El­lan war es an­ders. Es war, als hät­te sie – im Ge­gen­satz zu sei­nem Va­ter – ein Recht dar­auf, denn es war nun ein­mal sei­ne Schuld. Er war es ge­we­sen, der all die­se Men­schen zum To­de ver­ur­teilt hat­te. Er hat­te sie auf­ge­spürt, er hat­te die Weißrö­cke be­feh­ligt, er hat­te die Re­geln be­stimmt, nach de­nen die ge­wis­sen­lo­sen Trup­pen vor­gin­gen.

Und es war nicht nur die Schuld, die ihr recht gab, es war sein ei­ge­nes Ge­wis­sen, das Ge­wis­sen, das ihm seit je­ner Nacht kei­ne Ru­he mehr ließ – seit er den Zau­ber auf den blon­den Jun­gen ge­rich­tet hat­te. Das Ge­wis­sen, das er trotz­dem all die Jah­re im­mer wie­der zum Schwei­gen ge­bracht hat­te.

Er muss­te hier weg, er muss­te zu­rück nach Wei­ße­negg, zu­rück zu sei­nen Leu­ten, zu­rück zur Macht­gier, zur Ge­fühls­käl­te und zum Über­fluss, zu­rück nach Hau­se.

Er dach­te noch über die Bit­ter­keit die­ses Wor­tes nach, da er­klan­gen vor der Hüt­te Huf­schlä­ge und don­nern­de Stim­men. El­lan rann­te hin­aus und wies Ma­ri­el an, sich in der Kam­mer zu ver­ste­cken.

Weißrö­cke! Gre­gor be­griff es so­fort und rief lei­se nach dem Kind, das der An­wei­sung sei­ner Mut­ter noch nicht Fol­ge ge­leis­tet hat­te.

„Bring mir die Krü­cken!“, be­fahl er, als Ma­ri­el um den Vor­hang lug­te.

„Ma­ma hat ge­sagt ...“, be­gann sie, doch Gre­gor schüt­tel­te en­er­gisch den Kopf.

„Bring mir die Krü­cken! So­fort!”, be­fahl er. “Sie su­chen nach mir, sie wer­den al­le tö­ten, wenn sie mich nicht fin­den!“ Er kämpf­te dar­um, we­der die Stim­me zu er­he­ben, noch auf­zu­sprin­gen, um das Mäd­chen schüt­zend hin­ter sich zu zie­hen.

Ma­ri­el ver­schwand, und Gre­gor war sich nicht si­cher, ob sie ge­horch­te oder bei der An­wei­sung ih­rer Mut­ter blieb.

Doch dann wur­den die sch­lich­ten Krü­cken, mit de­nen er durch sei­ne all­ge­mei­ne Schwäche nicht um­ge­hen konn­te, un­ter dem Vor­hang hin­durch­ge­scho­ben. Er hob sie auf und drück­te sich von sei­nem La­ger hoch. Er konn­te sein Ge­wicht nicht hal­ten und be­las­te­te das ge­bro­che­ne Bein. Sch­merz schoss ihm bis zur Hüf­te. Als er ei­nen Fluch aus­stieß, kam aus der Kam­mer ein lei­ses „Psst!“.

oOo

El­lan schlug das Herz bis zum Hals. Sie hat­te ih­re Angst nor­ma­ler­wei­se gut im Griff, aber mit Weißrö­cken konn­te man nicht ver­han­deln. Der Mann, der das Fähn­lein an­führ­te, schi­en noch halb­wegs bei Ver­stand zu sein, doch das war das Schick­sal die­ser Män­ner: Sie wa­ren Skla­ven und wuss­ten es selbst nicht, und es nütz­te nichts, es ih­nen zu sa­gen.

„Wir su­chen flüch­ti­ge Re­bel­len“, wie­der­hol­te er und ließ sei­nen Blick über die her­un­ter­ge­kom­men aus­se­hen­den Men­schen schwei­fen.

„Wir sind nur Torfs­te­cher“, er­klär­te El­lan und schob ei­nen der Krie­ger zur Sei­te, der die Har­ke zu sehr wie ei­nen Prü­gel pack­te. Na­tür­lich wa­ren die Men­schen um sie her­um al­le­s­amt Re­bel­len, nicht weil sie es sein woll­ten, nicht weil sie kämp­fen woll­ten, son­dern weil ih­nen nichts üb­rig blieb, weil sie von Ma­gi­ern und Weißrö­cken ir­gend­wo aus ir­gend­ei­nem Grund ver­trie­ben wor­den wa­ren. Sie wa­ren kei­ne Ge­fahr, doch sie bo­ten den Kämp­fen­den ih­re Bet­ten und ih­re La­ger­feu­er an, um im Ge­gen­zug et­was Brot und Gers­te zu er­hal­ten. Das reich­te aus. Das ge­nüg­te, um sie zu Ver­b­re­chern zu ma­chen.

„Ab­sit­zen!“, be­fahl ei­ne schnei­den­de Stim­me. Ein Schau­er durch­fuhr den Zug­füh­rer, und er ge­horch­te. El­lan blieb das Herz ste­hen, als sie Gre­gor in der Tür ih­rer Hüt­te er­kann­te. Er stütz­te sich un­ge­schickt auf die Krü­cken und hum­pel­te den Weißrö­cken ent­ge­gen.

„Habt ihr Salz da­bei?“, frag­te Gre­gor oh­ne Um­schwei­fe, und der Zug­füh­rer eil­te ihm ent­ge­gen, um ihn zu stüt­zen. Vom Gür­tel nahm er ei­ne Phio­le mit ei­nem schim­mern­den Trank und reich­te sie Gre­gor. Die­ser griff gie­rig da­nach und leer­te sie in ei­nem Zug. So­fort straff­te sich sein Kör­per. Er leg­te sich die Hand aufs Bein, und ein blau­er Schein zog von sei­nen Fin­gern hin­un­ter zu der Schie­ne, die den Bruch sta­bi­li­sier­te. Er ließ den stüt­zen­den Arm des Sol­da­ten los, und nun reich­te ihm ei­ne ein­zi­ge Krü­cke zum Ge­hen. Sein Ge­sicht ve­r­än­der­te sich, wur­de här­ter, äl­ter. Vor Ellans Au­gen starb der schüch­t­er­ne Jun­ge, der ihr so lieb ge­wor­den war, und sie er­blick­te zum ers­ten Mal den Schläch­ter von Sa­ga­le, der nun mit zü­g­i­gen Schrit­ten auf sie zu­kam. Auf­recht über­rag­te Gre­gor sie um mehr als ei­nen Kopf, und mit ei­nem ar­ro­gan­ten Blick sah er auf sie her­ab.

„Ich dan­ke dir für dei­ne Di­ens­te, He­xe. Du soll­test an dei­ner Men­schen­kennt­nis ar­bei­ten“, sag­te er und schob sie fast grob zur Sei­te. Der Zug­füh­rer scheuch­te ei­nen sei­ner Män­ner vom Pferd und brach­te das Tier zu Gre­gor, half ihm de­mü­tig beim Auf­sit­zen und eil­te dann zu sei­nem ei­ge­nen Pferd.

Gre­gor zog an den Zü­geln und wand­te sich ab, oh­ne El­lan auch nur ei­nes wei­te­ren Bli­ckes zu wür­di­gen. Dann gab er dem Pferd die Fer­sen und sp­reng­te da­von.

El­lan be­kam kei­ne Luft. Die Men­schen um sie her­um starr­ten sie an oder spuck­ten nach ihr aus, und sie floh ge­ra­de­zu in ih­re Hüt­te, warf sich mit dem Rü­cken ge­gen die Tür und spür­te hei­ße Trä­nen auf den Wan­gen. Ma­ri­el kr­ab­bel­te aus der nie­d­ri­gen Kam­mer. Sie hielt ein Stück­chen Per­ga­ment vor der Brust um­klam­mert, und auch sie wein­te.

El­lan ging in die Knie und öff­ne­te die Ar­me, und Ma­ri­el rann­te hin­ein, barg das Ge­sicht an Ellans Schul­ter und sch­nief­te.

„Es tut mir leid, er hat mir Angst ge­mach­t“, flüs­ter­te sie ent­schul­di­gend, und El­lan strich ihr mit ei­nem ver­ständ­nis­vol­len Ni­cken sanft über den Kopf. Ihr ei­ge­ner Sch­merz steck­te wie ein Kloß in ih­rem Hals, so­dass sie nicht ant­wor­ten konn­te. Dann lös­te sich das Kind von ihr und reich­te ihr das Per­ga­ment.

Mit zit­tern­den Fin­gern öff­ne­te sie es, und die ge­trock­ne­te Blü­te ei­ner Pris­ter­wei­de fiel her­aus. Ei­lig hin­ge­schrie­ben stand auf dem Per­ga­ment: „Ver­zeih­t“.

oOo

Gre­gor stand am Fens­ter ei­nes Stadt­hau­ses im in­ne­ren Ring von Ais­ka­land. Das Haus war noch völ­lig leer, da er es erst vor we­ni­gen Ta­gen er­wor­ben hat­te. Es war überteu­ert ge­we­sen und hat­te zahl­rei­che Re­pa­ra­tu­ren nö­t­ig. Die sani­tä­ren An­la­gen wa­ren veral­tet, und die Fas­sa­de brö­ckel­te, doch im klei­nen Gar­ten des Hau­ses stand die ein­zi­ge Pris­ter­wei­de der gan­zen Stadt, die alt ge­nug war, um zu blühen.

„Den Baum soll­tet Ihr sch­nell fäl­len, Herr. Die Früch­te zie­hen Mü­cken an, und die Blü­ten rui­nie­ren Euch je­de Wä­sche“, hat­te der Mak­ler ge­sagt, und Gre­gor hat­te ab­we­send ge­nickt. Den Baum zu fäl­len, wür­de ihm nie im Le­ben ein­fal­len. Er öff­ne­te das Fens­ter und strich mit dem Fin­ger über den Rah­men. So­fort ver­färb­ten sich sei­ne Fin­ger­kup­pen vio­lett, und er lächel­te bit­ter. Soll­te der Baum den gan­zen In­nen­hof fär­ben, er soll­te die gan­ze Welt ein­fär­ben,  al­les ve­r­än­dern, so wie sich für ihn al­les ve­r­än­dert hat­te.

„Wie konn­ten sie es nur fin­den?“, hat­te er sie ge­fragt, völ­lig über­rascht da­von, noch am Le­ben zu sein, und völ­lig über­for­dert von der Fra­ge, wie die Re­bel­len das klei­ne zu­sam­men­ge­schus­ter­te Schiff­chen je­mals hat­ten se­hen und rich­tig deu­ten kön­nen. El­lan, mit­ten im Spü­len ei­nes blu­ti­gen Lap­pens, hat­te ge­lächelt und den Kopf ge­schüt­telt.

„Es ist nicht schwer, ein an­ge­bun­de­nes Schiff­chen zu fin­den, wenn man ei­nem strah­lend vio­let­ten Bach folgt”, war ih­re bei­läu­fi­ge Ant­wort ge­we­sen. Halb im De­li­ri­um hat­te er ge­n­au­so selbst­ver­ständ­lich ge­nickt und sich den sanf­ten Be­rüh­run­gen hin­ge­ge­ben, mit de­nen El­lan ihn wusch. Erst ganz lang­sam wa­ren ih­re Wor­te in sei­nen Ver­stand ge­si­ckert.

“Was?”, hat­te er nach­ge­hakt, wohl schon Mi­nu­ten spä­ter, mit zu­sam­men­ge­zo­ge­nen Au­gen­brau­en und oh­ne je­g­li­che Höf­lich­keit. La­chend hat­te sie ihm ei­ni­ge Haa­re aus dem Ge­sicht ge­s­tri­chen.

“Ich ha­be ei­nen gan­zen Beu­tel Pries­ter­wei­den­pol­len in den Bach ge­schüt­tet. Das konn­te nie­mand über­se­hen.“

Er hör­te wie­der die­ses La­chen, spür­te ih­re sanf­ten Hän­de, sah sie wie­der er­rö­t­end lächeln, als sie ihm die Sträh­nen aus der Stirn strich.

„Was hät­tet Ihr ge­tan, wenn es die Weißrö­cke ge­we­sen wä­ren, die Eu­er Zei­chen ent­deckt hät­ten?“, hat­te er sie ge­fragt und ein Schul­tern­zu­cken ge­ern­tet.

„Die Fra­ge lau­tet doch wohl eher, was hät­tet Ihr ge­tan, wenn es die Weißrö­cke ge­we­sen wä­ren?“

Er hat­te ihr nicht ge­ant­wor­tet. Aus ei­ner tief in ihm er­wach­ten Gier her­aus hat­te er ih­re Hand um­fasst und sei­ne Lip­pen in ih­re Hand­fläche ge­drückt. Er roch noch im­mer die Sei­fe, spür­te die vom Was­ser schrum­pe­li­gen Fin­ger­kup­pen. Zu­erst hat­te er ge­dacht, es wä­re Dank­bar­keit, dann, es wä­re der Wunsch, sie zu be­sit­zen, doch in­zwi­schen wuss­te er, dass es mehr war.

Er dreh­te sich um und be­trach­te­te den kah­len Raum. Wie ro­man­tisch die Vor­stel­lung auch sein moch­te, er woll­te kei­nes­wegs mit El­lan in die Sümp­fe flie­hen,  e­wig ver­folgt und ge­hetzt, ganz im Ge­gen­teil. Da­her hat­te er die­ses Haus ge­kauft, da­her wür­de er Möb­el an­schaf­fen und ei­ne Haus­häl­te­rin an­s­tel­len – er wür­de auf­hö­ren zu flie­hen, er wür­de sich um­dre­hen und dem, was ihn ver­folg­te, ent­ge­gen­t­re­ten, zu von ihm dik­tier­ten Be­din­gun­gen, da­mit er we­nigs­tens die Hoff­nung hat­te, die­ses Ge­fühl ei­nes Sinns in sei­nem Le­ben wie­der­zu­er­lan­gen, von dem er in die­ser Hüt­te im Nir­gend­wo ge­kos­tet hat­te.

Ein lan­ge ver­miss­ter Ei­fer er­fass­te ihn und ließ ihn lächeln. Er wür­de El­lan fin­den, er konn­te sch­ließ­lich je­den Re­bel­len fin­den, und ab jetzt wür­de er selbst ent­schei­den, wie er die­se Fähig­keit ein­setz­te.

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In einer Hütte

von Tina Giesler aus Dembelo

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